Gleichberechtigt, selbstbestimmend
Vom dummen Tier zum selbstbewussten Gehörlosen
Seit 200 Jahren unterrichtet das «Zentrum für Gehör und Sprache» gehörlose und schwerhörige Kinder. Wie sehen heute hörende Fachpersonen die Gehörlosen? Hat sich das Selbstbild der Gehörlosen geändert? Ein Streifzug durch die Geschichte des Gehörlosenwesens zeigt: Nicht nur die Hörenden mussten ihre Meinung ändern; auch die Gehörlosen haben in ihrer Entwicklung einen weiten Weg zurückgelegt.
Der Nullpunkt dieser Entwicklung sind die ersten Taubstummen-Anstalten. Sie liefern den Nachweis, dass die Gehörlosen bildungsfähig und nicht «dumme Tiere» sind. Durch die Entstummung werden die taubstummen Kinder in die Gesellschaft der Menschen eingegliedert. Und trotzdem bleibt der Gehörlose nur Objekt der Hörenden. Die Gesellschaft sieht im gehörlosen Menschen einen kranken Menschen, den es zu unterstützen gilt. Dementsprechend bieten die Taubstummen-Anstalten ein vielfältiges Angebot an, um den Gehörlosen bei Vereinsamung, Krankheit oder Arbeitslosigkeit zu begleiten.
Die erste grosse Emanzipation der Gehörlosenvereine zielt darauf ab, der nachgehenden Fürsorge der Hörenden ein eigenes Angebot gegenüberzustellen. Die ersten Gehörlosenvereine setzen ihren Fokus auf die Unterstützung von kranken oder alten Gehörlosen. Dennoch müssen sie sich gegen die zum Teil unfairen Vorwürfe von hörenden Fachpersonen wehren. Der Konflikt um die Stellung der Gehörlosen dauert bis Ende 1945. Erst nach der sogenannten Diebolds-Affäre anerkennen die hörenden Fachpersonen, dass die Gehörlosenvereine ähnlich gut für ihre «Schicksalsgenossen» sorgen können wie die Angebote der Hörenden. Die Gehörlosen lösen sich ein erstes Mal aus der Objektrolle und werden zum handelnden Subjekt.
Von 1945 bis in die 1970er Jahren erkämpfen sich die Gehörlosen ein Mitbestimmungsrecht. «Intelligente Gehörlose» gelangen nun routinemässig in die Vorstände von Fachhilfeorganisationen. So wirken sie unter anderem als Kirchenhelfer, gestalten im Mimenchor den Gottesdienst mit und werden als Vorstandsmitglieder in die Fürsorgevereine gewählt. Der wichtigste Erfolg bei der Mitbestimmung ist die Umbenennung der Fachhilfeorganisationen von «taubstumm» zu «gehörlos». Mit diesem Begriff wird nun endgültig die Bildungsfähigkeit der Gehörlosen unterstrichen. Die geschulten Taubstummen können ihr Leben selbst in die Hand nehmen, während die ungeschulten Taubstummen weiterhin die Hilfe der Hörenden benötigen. Aus diesem Bild wird jedoch auch deutlich, dass die Gehörlosen trotz aller gesellschaftlichen Erfolge nur Juniorpartner der Hörenden bleiben. Denn die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden läuft weiterhin in der Lautsprache ab. Es braucht nach wie vor die Unterstützung der Hörenden, um geschult zu werden oder gesellschaftliche Entwicklungen anzustossen. Dass Gehörlose Auto fahren dürfen, müssen sie sich mit der Hilfe von hörenden Fachpersonen erstreiten.
Dementsprechend komplex ist der finale Emanzipationsschritt. Dass sich der Gehörlose nun vollständig aus den Strukturen der Hörenden löst, ist noch verständlich. Der Schweizerische Gehörlosenbund (SGB, heute sgb-fss) beginnt in den 1980er Jahren, eigene Strukturen aufzubauen. Dadurch ist er in der Lage, ab Ende der 1980er Jahre das Vertretungsmonopol der Schweizerischen Vereinigung für das Gehörlosenwesen (SVG, heute sonos) zu brechen. Diese Entwicklung wird durch die Anstellung von bezahlten Gehörlosen und gut ausgebildeten Gehörlosen entscheidend mitgefördert.
Dass sich die Gehörlosen jedoch als kulturelle Minderheit und Träger einer eigenen Sprache – der Gebärdensprache – verstehen, ist jedoch weniger nachvollziehbar. Dafür muss sich das Selbstbild der Gehörlosen und das Fremdbild, das die Hörenden von den Gehörlosen haben, entscheidend ändern. Mit Hilfe von ausländischen Gehörlosen und der einsetzenden Gebärdensprachforschung verliert die Gebärdensprache als «Affensprache». Als Träger der Gebärdensprache werden Gehörlose zu Fachkräften und erhalten ein zuvor unbekanntes Prestige. Die Grundlagenforschung, die einsetzende Nachfrage nach Gebärdensprachlehrern oder die Kulturvermittlung bietet den Gehörlosen neue Arbeitsmöglichkeiten. Zudem setzt der SGB im Bereich der Gebärdensprache neue Akzente. Dolmetscher sollen die Gehörlosen bei der Kommunikation mit Hörenden unterstützen und Missverständnisse verhindern. Nicht die Gehörlosen sollen durch perfektes Lippenlesen den Integrationsaufwand auf sich nehmen. Durch Gebärdensprach-Dolmetscher:innen und später bei den Schwerhörenden durch Schriftdolmetscher:innen soll die Gesellschaft den Mehraufwand der Behinderung ausgleichen.
Die 1980er und 1990er Jahre sind jedoch auch geprägt von einer kulturellen Zerrissenheit. Die Frage der Gebärdensprache droht das Gehörlosenwesen in «Alte Gehörlose» und «neue Gehörlose» zu spalten. Alt und neu ist dabei keineswegs eine Generationenfrage, sondern eine Haltung gegenüber der Gebärdensprache. Während «alte Gehörlose» an der Lautsprache und der Integration bei den Hörenden festhalten, unterstützen die neuen Gehörlosen die Kommunikation in Gebärdensprache. Exemplarisch zeigt sich dieser Konflikt am Cochlea Implantat (CI). Die Befürchtung ist bei den neuen Gehörlosen gross, dass das CI die neu entdeckte Gehörlosenkultur zerstört und Gehörlose zu Hörenden macht. Dementsprechend heftig ist der Widerstand, CI-Träger, gebärdende Schwerhörende sowie auch Hörende als Teil der Gehörlosenkultur anzuerkennen. Für diese nicht einfache Integrationsleistung braucht das Gehörlosenwesen rund eine Generation Zeit.
Wer ist heute der gehörlose Mensch? Er vertritt seine Interessen, darf studieren und ist in der Lage, anspruchsvolle Berufe auszuüben oder sogar Kaderfunktionen zu übernehmen. Um ein Zitat von Direktor Walther Kunz abzuändern: Er kann alles wie die Hörenden, aber er kann auch gebärden. Oder nur die Lautsprache verwenden. Oder beides. Also alles, was ein selbstbestimmtes Individuum, dass er nach 200 Jahren endlich geworden ist, tun darf. Es ist eine Haltung, die sich der Gehörlose auch mit der Hilfe von Hörenden erkämpft hat.