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Emanzipation der Selbsthilfe und Einbezug der Gehörlosen

Die Nachkriegszeit
Nach dem Zwei­ten Welt­krieg steht das Ge­hör­lo­sen­we­sen vor einer schwie­ri­gen Si­tua­ti­on. Seit Ende des 19. Jahr­hun­derts wer­den in der Schweiz ver­schie­de­ne Ge­hör­lo­sen­or­ga­ni­sa­ti­o­nen ge­grün­det. Eine davon, die Schwei­ze­ri­sche Ge­sell­schaft der Ge­hör­lo­sen (GdG), pran­gert ab 1939 be­son­ders scha­rf be­ste­hen­de und ver­meint­li­che Miss­stän­de im Ge­hör­lo­sen­we­sen an. Die Ge­hör­lo­sen sind ge­spal­ten. Doch auch bei Hö­ren­den stos­sen die For­de­run­gen der GdG auf Ver­ständ­nis.
Hans Am­mann, Di­rek­tor der Taub­stum­men- und Sprach­heil­s­chu­le, ver­mit­telt zwi­schen der GdG und dem da­ma­li­gen Schwei­ze­ri­schen Ver­band für Taub­stum­men­hil­fe (SVfT, spä­ter SVG und heute Sonos). Der SVfT än­dert die Sta­tu­ten, damit auch Ge­hör­lo­sen­ver­bän­de beim SVfT Mit­glied wer­den kön­nen. Zudem an­er­kennt der SVfT die GdG als Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on der Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne. Die GdG ver­zich­tet im Ge­gen­zug auf eine ei­ge­ne Ver­einszei­tung. Dafür stellt der SVfT der GdG 1 - 2 Sei­ten der Ge­hör­lo­sen­zei­tung als Kor­re­spon­denz­blatt zur Ver­fü­gung.
Als Folge des Kom­pro­mis­ses än­dert die GdG 1946 ihren Namen zum Schwei­ze­ri­schen Ge­hör­lo­sen­bund (SGB). Es ist die Ge­burts­stun­de der heu­ti­gen Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on. Den­noch tritt der da­ma­li­ge SGB ge­gen­über der Fach­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on eher ge­mäs­sigt auf. Fritz Bal­mer, ers­ter Prä­si­dent und Schrift­lei­ter des Kor­re­spon­denz­blatts, zieht 1956 eine po­si­ti­ve Bi­lanz. Dass hö­ren­de Fach­leu­te wei­ter­hin einen gros­sen Ein­fluss haben, un­ter­stützt Bal­mer. Er hält an der be­währ­ten Zu­sam­me­n­a­r­beit mit dem SVfT fest. Ers­tens sind im SVfT alle Or­ga­ni­sa­ti­o­nen des Ge­hör­lo­sen­we­sens ver­tre­ten, seit 1946 mit dem SGB auch die Ge­hör­lo­sen-Selbst­hil­fe. Zwei­tens sieht Bal­mer kei­nen Grund für Kampf­mass­nah­men ge­gen­über der als Für­sor­ge be­zeich­ne­ten Fach­hil­fe
Die Ge­hör­lo­sen kön­nen ihre An­lie­gen ein­brin­gen und sind den Hö­ren­den weit­ge­hend gleich­be­rech­tigt. Wei­ter­ge­hen­de «Pri­vi­le­gi­en» wie Steu­er­er­leich­te­run­gen oder Er­mäs­si­gun­gen für Zug­bil­let­te, wie sie Ge­hör­lo­se im Aus­land for­dern, lehnt Bal­mer ent­schie­den ab. Er möch­te glei­che Rech­te wie die Hö­ren­den – aber auch die glei­chen Pflich­ten.
Der Druck zur Anpassung
Die Zeit zwi­schen 1945 und 1970 prä­gen neben Fritz Bal­mer wei­te­re Ge­hör­lo­se wie Ernst Büh­ler, Jo­hann Rit­ter oder Hein­rich Schau­fel­ber­ger. Diese Ge­ne­ra­ti­on geht in den 1920er Jah­ren zur Schu­le. Die Schü­ler:innen tre­ten in den be­ruf­lich schwie­ri­gen 1930er Jah­ren aus der Schu­le aus. Auf dem Ar­beits­markt war­tet nie­mand auf die Ge­hör­lo­sen. Häu­fig sind es Ge­hör­lo­sen­leh­rer, die für ihre Schü­le­rin­nen und Schü­ler kri­sen­si­che­re «Taub­stum­men­be­ru­fe» aus­wäh­len. Trotz­dem müs­sen Ge­hör­lo­se durch harte und zu­ver­läs­si­ge Ar­beit ihre Ar­beit­ge­ben­den über­zeu­gen, sie zu be­hal­ten. Stel­len­wech­sel sind häu­fig, der Lohn ist be­schei­den. Und trotz­dem gibt es Aus­nah­men wie Ernst Büh­ler oder Otto Gygax, die sich selb­stän­dig ma­chen und ihre ge­hör­lo­sen Ka­me­ra­den un­ter­stüt­zen. Trotz­dem: Das harte Ar­beits­ethos wirkt in die­ser Ge­ne­ra­ti­on nach. Ge­hör­lo­se sehen es als nor­mal an, dass sie sich den Hö­ren­den an­pas­sen müs­sen.
An­pas­sen be­deu­tet vor allem: Die Ge­bär­den­spra­che steht nicht zur Dis­kus­si­on. Es ist ein Punkt, den die Ge­hör­lo­sen be­reits in den 1990er Jah­ren den «alten Ge­hör­lo­sen» vor­wer­fen. Doch die Ge­hör­lo­sen füh­ren da­mals einen ganz an­de­ren Kampf. Sie wol­len den schon da­mals nicht zeit­ge­mäs­sen Aus­druck «taub­stumm» durch «ge­hör­los» er­set­zen. Ihre Ar­gu­men­ta­ti­on: Die Ge­hör­lo­sen wer­den in der Taub­stum­me­n­an­stalt ent­stummt. Sie sind nicht mehr stumm, son­dern ge­bil­det und ge­hör­los. Ge­bär­den­de Ge­hör­lo­se gel­ten auch für da­ma­li­ge Ge­hör­lo­se als «taub­stumm» und ge­fähr­den den Kampf um den neuen Be­griff. Lesen, Ab­le­sen, gute Aus­spra­che: Diese drei Ei­gen­schaf­ten sind der gros­se Stolz der «alten Ge­hör­lo­sen».
Ein Wandel beginnt
Dass die Ge­hör­lo­sen nach 1945 keine Kon­fron­ta­ti­on mit dem SVfT su­chen, liegt auch an den Er­fah­run­gen mit der GdG. Die GdG wagt den Auf­stand und setzt sich mit ihren For­de­run­gen zwar weit­ge­hend durch. Sie spal­tet die Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne je­doch auch in Be­für­wor­ter und Geg­ner. Mit der Um­be­nen­nung der GdG in den SGB schlies­sen sich nun auch Ver­ei­ne an, die der GdG kri­tisch ge­gen­über­ste­hen. Diese Be­frie­dung der Si­tua­ti­on will man nicht ris­kie­ren. Die Fach­hil­fe an­er­kennt zudem die Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne und si­chert ihnen zwei Sitze in sei­ner De­le­gier­ten­ver­samm­lung zu. Es sind Mit­spra­che­rech­te, die vor 1945 aus­ser Reich­wei­te schie­nen.
Wei­ter schät­zen Ge­hör­lo­se in den 1950er Jah­ren die Si­tua­ti­on re­a­lis­tisch ein. Um die Fach­hil­fe durch Ge­hör­lo­se ab­zu­de­cken, fehlt den Ge­hör­lo­sen das Know-how. In­sti­tu­ti­o­nen, die den Ge­hör­lo­sen die­ses Know-how ver­mit­teln könn­ten, feh­len je­doch noch weit­ge­hend. Die Be­rufs­schu­le für Ge­hör­lo­se ent­steht erst 1954, eine Se­kun­dar­schu­le für Ge­hör­lo­se (heute SEK3) erst 1959. Die Bil­dungs­kur­se für Ge­hör­lo­se, die SGB und SVfT an­bie­ten, ver­su­chen vor­erst, diese Lücke zu schlies­sen.
Zudem gibt es im Zür­cher Ge­hör­lo­sen­we­sen Ver­än­de­run­gen, die die Zu­sam­me­n­a­r­beit zwi­schen Ge­hör­lo­sen und Fach­per­so­nen er­leich­tert. Di­rek­tor Jo­han­nes Hepp und Ge­hör­lo­sen­pfar­rer Jakob Stutz wer­den pen­sio­niert. Walt­her Kunz über­nimmt 1944 als Di­rek­tor die Taub­stum­me­n­an­stalt, Pfar­rer Edu­ard Kolb wird 1945 Ge­hör­lo­sen­pfar­rer. Ins­be­son­de­re Kunz und Kolb haben ein neues Men­schen­bild der Ge­hör­lo­sen. Sie trau­en ihnen mehr Ver­ant­wor­tung zu. Zudem be­rück­sich­ti­gen sie stär­ker die Be­dürf­nis­se der Ge­hör­lo­sen.
Kunz ist vor allem von den Er­fah­run­gen sei­ner Ame­ri­ka-Reise ge­prägt, auf der er auch Ge­hör­lo­sen­schu­len be­sucht. Seine Er­kennt­nis: Die Ge­hör­lo­sen in Ame­ri­ka kön­nen be­ruf­lich und pri­vat alles – aus­ser ge­bär­den. Auch den Schwei­zer Ge­hör­lo­sen traut Kunz mehr zu als sein Vor­gän­ger. Kolb wie­der­um re­for­miert den Ge­hör­lo­sen-Got­tes­dienst. Mit dem Mi­men­chor, fa­r­bi­gen Tü­chern und Pa­ra­men­ten setzt Kolb auf vi­su­el­le Ele­men­te und ge­hör­lo­sen­ge­rech­te Got­tes­diens­te. Zu­sam­men mit den Kir­chen­hel­fern be­zieht Kolb die Ge­hör­lo­sen stär­ker mit ein.

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