Entschuldigung, Genozid-Vorwurf und der Vergleich zu Kinder Landstrasse
Forscher haben Fragen
Die Gebärdensprachforschung brachte auch die Erkenntnis: Die Gehörlosen sind die Träger der Gebärdensprache und bilden eine eigene Kultur. Dies führte jedoch auch zur Frage: Wurde die Gebärdensprache nicht unterdrückt? Und hinderte der Lautsprachezwang die Gehörlosen an ihrer sprachlichen und kulturellen Entfaltung?
Debatte um einen kulturellen Genozid
Dass die Gehörlosenschulen bei Gebärden Strafen einsetzten, war unter den Gehörlosen Allgemeinwissen. Doch dass diese Praktiken auch die kulturelle Entfaltung der Gehörlosen beeinträchtigten, drängte sich erst 2005 ins Bewusstsein. In diesem Jahr hielt die finnische Lingustin Tove Anita Skutnabb-Kangas (1940-2023) einen Vortrag über den linguistischen Genozid an der Gebärdensprache. Skutnabb forschte insbesondere im Bilingualismus. Sie hatte bereits in den 1980er Jahren das Konzept des linguistischen Genozids entwickelt. Mit diesem Konzept beschrieb sie die Diskriminierung von Minderheitensprachen. In ihrem Schweizer Vortrag von 2005 stellte sie die Gebärdensprache in Bezug zu anderen Minderheitensprachen. Sie sah in ihrem Vortrag Indizien für einen kulturellen Genozid an der Gebärdensprache.
2007
Das iPhone
Telefonieren, schreiben, surfen – alles auf einem Gerät. Mit dem iPhone bringt Apple nicht einfach ein neues Handy auf den Markt, sondern etwas völlig Neues: das Internet zum Mitnehmen. Und mit dem prominenten Apfel auf der Rückseite auch gleich ein sichtbares Statement.
Die Forderung nach Entschuldigung
Es ist verständlich, dass die Gehörlosen unter diesen Vorzeichen eine Entschuldigung von Fachhilfen und Gehörlosenschulen fordern. Tatsächlich gab es in jüngerer Vergangenheit Schritte zu einer Entschuldigung. 2021 unterzeichneten Sonos, der Schweizerische Gehörlosenbund sowie die Deutschschweizer Gehörlosenschulen wie das Zentrum für Gehör und Sprache oder die sek3 eine Erklärung. In dieser anerkennen und bedauern Sonos und die Gehörlosenschulen das Leid, das Gehörlose durch den Ausschluss der Gebärdensprache im Unterricht erlebten. Die Erklärung wird zwar als historisch eingestuft. Für viele Gehörlose geht das Bedauern jedoch zu wenig weit.
Wie ist mit der Forderung nach einer Entschuldigung umzugehen? Handelt es sich bei der Unterdrückung der Gebärdensprache um einen kulturellen Genozid, wie es die Linguistin Tove Anita Skutnabb-Kangas bereits 2005 formulierte? Als Parallele eignet sich wohl am ehesten das «Hilfswerk Kinder der Landstrasse». Von 1926 bis 1973 nahm das «Hilfswerk» mit der Unterstützung der Behörden gegen 600 bis 2000 Kinder ihren jenischen Eltern weg. Sie wurden in Heimen platziert, kamen in Pflegefamilien oder wurden als Verdingkinder eingesetzt.
Mit diesen drastischen Massnahmen sollte die Lebensweise der Jenischen überwunden werden. Ein Rechtsgutachten des Völkerrechtlers Oliver Diggelmann aus dem Jahr 2024 sollte Klarheit schaffen, ob das Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» Völkermord an den Jenischen beging. Nach heutiger Lesart stellte das Rechtsgutachten zwar ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit fest. Völkermord liess sich jedoch im Sinne der Genozidkonvention nicht nachweisen. Auch der Vorwurf des «Kulturellen Völkermords» ist nicht gegeben, da die Genozid-Konvention einen solchen Tatbestand nicht aufführt.