Oralismus und Mailand 1880
Die Entwicklung des Oralismus
Oralismus ist eine Unterrichtsmethode für gehörlose Kinder, die vollständig auf Lautsprache aufbaut. Der Oralismus wird auch Lautspracherziehung oder Deutsche Methode genannt. Begründer dieser Methode ist der Leipziger Anstaltsdirektor Samuel Heinicke (1727–1790). Seit den 1950er Jahren lassen sich mit Hörgeräten oder dem Cochlear Implantat (CI) vorhandene Hörreste ausnutzen. Seither wird der Oralismus mit intensivem Hörtraining verbunden.
Die Bezeichnung «Deutsche Methode» grenzt die Lautspracherziehung von der sogenannten «Manuellen Methode» oder «Französischen Methode» ab. Die Manuelle Methode baut auf dem Unterricht in Gebärdensprache auf.
Als deren Erfinder gilt Abbé Charles-Michel de l’Epée (1712–1789). Die Lautspracherziehung setzt auf Lippenlesen und Artikulationsunterricht und verzichtet weitgehend bis vollständig auf Gebärdensprache oder Fingeralphabet.
1890
Die elektrische Hörhilfe
Die grossen Hörrohrtrompeten des 19. Jahrhunderts bekommen Ende des Jahrhunderts erstmals Konkurrenz: Miller Reese Hutchison entwickelt mit dem «Akouphone» eines der ersten elektrischen Hörgeräte auf Basis des Telefons. Statt Schall nur weiterzuleiten, wird er nun verstärkt – ein entscheidender Schritt in Richtung moderner Hörgeräte.
Die Verbreitung des Oralismus in der Schweiz
Oft wird der Oralismus mit dem Mailänder Kongress von 1880 in Verbindung gebracht. Dieser Kongress sollte die Unterrichtsmethode entscheiden. Eine Mehrheit sprach sich für den Artikulationsunterricht und gegen die Gebärdensprache aus. Widerspruch gab es nur von Kongressmitgliedern aus den USA, Grossbritannien und Schweden. Die Beschlüsse von «Mailand» waren zwar nicht verbindlich, prägten jedoch den Unterricht von Gehörlosen massgeblich.
Die Taubstummenanstalten in Riehen und Zürich übernahmen ungewollt die Rolle als Ausbildungszentren. Deren Schulleiter Georg Schibel (1807–1900) (Verweis auf 1.1.2 Georg Schibel) und Wilhelm Arnold (1810–1879) waren in Deutschland ausgebildete Taubstummenlehrer.
Ihre Methode basierte auf Artikulations- und Anschauungsunterricht – und auf den Ausschluss der Gebärdenspräche. Schibel und Arnold bildeten ihre Lehrer oder interessierte Personen in dieser Methode aus. Sie galt in der Schweiz als vorbildlich.
Gerade bei neu gegründeten Anstalten berief man deshalb häufig Schulleiter, die bereits unter Schibel oder Arnold gearbeitet hatten. So verbreitete sich der Oralismus in den nach Zürich gegründeten Taubstummenanstalten. Damit wirkten in Aarau, St. Gallen und sogar in Genf von Schibel ausgebildete Lehrer als Vorsteher.
Besonders die Anstellung eines von ihm ausgebildeten Lehrers im Genfer Institut musste für Schibel eine grosse Genugtuung sein. Das Institut wurde ursprünglich vom gehörlosen Isaac Etienne Chomel gegründet, einem Schüler von Abbé de l’Epée. Das nach der manuellen Methode unterrichtende Institut war dem Oralisten Schibel immer ein Dorn im Auge gewesen.