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Gehörlosenvereine, Emanzipation Selbsthilfe

« Wir Taubstummenlehrer freuen uns über die Selbständigkeit unserer ehemaligen Schüler und gönnen ihnen von Herzen die Freuden ihres Beisammenseins, hoffend, dass, wie bisher, so auch in Zukunft die Grenzen der guten Sitte beachtet und gewahrt werden. »
1929 pu­bli­ziert Eugen Su­ter­meis­ter das «Quel­len­buch zur Ge­schich­te des schwei­ze­ri­schen Taub­stum­men­we­sens». Au­gust Gu­kel­ber­ger, da­ma­li­ger Vor­ste­her der Taub­stum­me­n­an­stalt Wa­bern, schreibt in der Ge­hör­lo­sen­zei­tung eine Buch­kri­tik. Gu­kel­ber­ger hebt pro­phe­tisch her­vor, dass die­ses Buch ein fes­ter Be­stand­teil jeder Ver­eins­bi­blio­thek wer­den soll­te. Tat­säch­lich gilt Su­ter­meis­ters Quel­len­buch bis heute als eines der wich­tigs­ten Nach­schla­ge­wer­ke der Ge­hör­lo­sen­ge­schich­te. Doch we­sent­lich stär­ker er­staunt, wie wohl­wol­lend Gu­kel­ber­ger trotz aller Kri­tik das Ka­pi­tel zu den Ge­hör­lo­sen­ver­ei­nen kom­men­tiert:
«Man liest da nicht ohne Be­wun­de­rung, wie immer wie­der ein­zel­ne Taub­stum­me sich be­müh­ten, ihre Lei­dens­ge­nos­sen zu einer Ar­beits­ge­mein­schaft zu­sam­men­zu­fas­sen und sie da­durch ihrer Ver­ein­s­a­mung zu ent­reis­sen und geis­tig zu heben. Alle Sta­tu­ten be­trach­ten diese ide­a­le Auf­ga­be als den Haupt­zweck der be­tref­fen­den Ver­ei­ne (…). Wir Taub­stum­men­leh­rer freu­en uns über die Selb­stän­dig­keit un­se­rer ehe­ma­li­gen Schü­ler und gön­nen ihnen von Her­zen die Freu­den ihres Bei­sam­men­seins, hof­fend, dass, wie bis­her, so auch in Zu­kunft die Gren­zen der guten Sitte be­ach­tet und ge­wahrt wer­den. In an­ge­nehms­ter Er­in­ne­rung blei­ben dem Schrei­ber die­ser Zei­len die schö­nen Stun­den, die er im Krei­se der Taub­stum­men an­läss­lich des II. Taub­stum­men­ta­ges in Bern hat er­le­ben dür­fen.»
In der Buch­kri­tik von Gu­kel­ber­ger zei­gen sich be­reits die Grün­de, wes­halb die ers­ten Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne ent­ste­hen. Die schwie­ri­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Ge­hör­lo­sen und Hö­ren­den führt dazu, dass viele Ge­hör­lo­se ver­ein­s­a­men. Sie haben kaum Kon­takt zu an­de­ren Ge­hör­lo­sen, die ihre Be­dürf­nis­se ver­ste­hen. Zwar be­mü­hen sich die Taub­stum­me­n­an­stal­ten, mit ihren ehe­ma­li­gen Zög­lin­gen in Ver­bin­dung zu blei­ben. Doch es ist kein gleich­wer­ti­ger Er­satz. Zudem sind Ge­hör­lo­se bei Alter und Krank­heit schlecht ab­ge­si­chert.
Sport, Reisen und neue Freiheiten
Die To­tal­re­vi­si­on der Bun­des­ver­fas­sung von 1874 ga­ran­tiert die Ver­eins­frei­heit und bie­tet eine recht­li­che Grund­la­ge für die Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne. Die ers­ten Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne re­a­gie­ren auf die Not­la­ge der Ge­hör­lo­sen: Ver­net­zung, so­zi­a­le Ab­si­che­rung, Un­ter­stüt­zung bei Krank­heit. Das ge­sel­li­ge Ele­ment steht je­doch bei allen Ver­ei­nen im Vor­der­grund. Eine spe­zi­el­le Ver­si­on des ge­sel­li­gen Bei­sam­men­seins bie­ten der Taub­stum­men-Fuss­ball­klub Zü­rich (heute Ge­hör­lo­sen- und Sport­ver­ein Zü­rich) und die ver­schie­de­nen Taub­stum­men-Rei­se­klubs an. Ein Sport­an­ge­bot sowie z. B. Aus­flü­ge nach Rigi-Kalt­bad bie­ten den Ge­hör­lo­sen neue Mög­lich­kei­ten bei der Frei­zeit­ge­stal­tung.
Die Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne bie­ten je­doch auch neue An­griffs­flä­chen. Die Fach­leu­te be­fürch­ten, dass die Ge­hör­lo­sen in den Ver­ei­nen ge­bär­den, Al­ko­hol kon­su­mie­ren und sich all­ge­mein ihrer Kon­trol­le ent­zie­hen. Zudem kon­kur­ren­zie­ren na­ment­lich die Ge­hör­lo­sen­port- und Rei­se­ver­ei­ne die An­ge­bo­te der Hö­ren­den. Da die Ge­hör­lo­sen die ge­sam­te Woche ar­bei­ten, kön­nen Fuss­ball­spie­le oder Rei­sen nur am Wo­chen­en­de statt­fin­den. Sol­che Ak­ti­vi­tä­ten las­sen sich z.B. schlecht mit den sonn­täg­li­chen Ge­hör­lo­sen-Got­tes­diens­ten ver­ein­ba­ren, die das kan­to­na­le Ge­hör­lo­sen-Pfarr­amt seit 1911 ab­hält.
Gemeinschaft durch Vereine und Medien
Da die Ge­hör­lo­sen nach dem Schul­aus­tritt häu­fig bei ihren El­tern leben, braucht es für eine Mit­glied­s­chaft oft die Zu­stim­mung der El­tern. Der ge­hör­lo­se Max Bir­cher 1907–2001, Erbe meh­re­rer Im­mo­bi­li­en in Zü­rich, ist Mit­glied der da­mals wich­tigs­ten Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne. Ohne Zu­stim­mung sei­ner Mut­ter wäre dies wohl nie mög­lich ge­we­sen. Mit­glied­s­chaf­ten kön­nen je­doch auch zu Span­nun­gen füh­ren. Dies vor allem dann, wenn Ge­hör­lo­se ihr Geld etwa für Aus­flü­ge mit an­de­ren Ge­hör­lo­sen ein­set­zen, je­doch sich nicht an Kost und Logis im El­tern­haus be­tei­li­gen.
Für die bes­se­re Ver­net­zung braucht es je­doch auch eine Zei­tung für die Ge­hör­lo­sen. 1907 lan­ciert der un­er­müd­li­che Eugen Su­ter­meis­ter (1862–1931) die Taub­stum­men­zei­tung, die bald den Namen Ge­hör­lo­sen­zei­tung trägt. In die­ser Zei­tung er­schei­nen Zu­sam­men­fas­sun­gen von Jah­res­be­rich­ten der Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne und der Ge­hör­lo­sen­schu­len, Dienst­ju­bi­lä­en von Ge­hör­lo­sen­leh­rern und Vor­ste­hern, Neu­ig­kei­ten aus der Ge­hör­lo­sen­ge­mein­schaft sowie Le­bens­läu­fe von ver­stor­be­nen Per­so­nen aus dem Ge­hör­lo­sen­we­sen.
Die Ge­hör­lo­sen­zei­tung wird so zum Sprach­rohr der Ge­hör­lo­sen­ge­mein­schaft und bleibt bis heute eine der wich­tigs­ten Quel­len für den Ein­stieg in die Ge­hör­lo­sen­ge­schich­te. Auch diese Chro­nik nützt die Ge­hör­lo­sen­zei­tung für die Hin­ter­grund-Re­cher­che. Die Ge­hör­lo­sen­zei­tung er­scheint auch heute noch unter dem Namen «Sonos-Zei­tung». Her­aus­ge­ber ist seit über 100 Jah­ren der Sonos Schwei­ze­ri­sche Hör­be­hin­der­ten­ver­band.
Die GdG als Kampforganisation
Die Ge­hör­lo­sen­zei­tung kann zwar die Ge­hör­lo­sen­ge­mein­schaft ver­bin­den. Es fehlt je­doch ein na­ti­o­na­ler Da­ch­ver­band für die lokal ver­an­ker­ten Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne. Zudem sind viele Ge­hör­lo­se un­zu­frie­den mit dem lü­cken­haf­ten An­ge­bot der Fach­hil­fe. Erst 1939 kommt mit der «Schwei­ze­ri­schen Ge­sell­schaft der Ge­hör­lo­sen» (GdG) eine Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on zu­stan­de, der meh­re­re Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne bei­tre­ten. Im Rü­ck­blick nennt Fritz Bal­mer, ers­ter Prä­si­dent des Schwei­ze­ri­schen Ge­hör­lo­sen­bun­des, die GdG eine Kamp­f­or­ga­ni­sa­ti­on. Und so tritt sie auch auf. Die GdG gibt mit dem «Kor­re­spon­denz­blatt der Ge­hör­lo­sen» ein Kon­kur­renz­blatt her­aus, in der sie die Ar­beit der Fach­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­o­nen scha­rf kri­ti­siert.
Trotz Ge­sprä­chen mit dem Ver­band Schwei­ze­ri­scher Ver­ei­ni­gung für Taub­stum­men­hil­fe es­ka­liert der Kon­flikt und kann erst 1945 bei­ge­legt wer­den. Ein Ver­mitt­lungs­vor­schlag von Ju­li­us Am­mann, Di­rek­tor der Taub­stum­men- und Sprach­heil­s­chu­le St. Gal­len, fin­det die Zu­stim­mung der GdG. Der Ver­mitt­lungs­vor­schlag re­gelt auch das Ver­hält­nis der GdG und der Taub­stum­men­hil­fe. So bil­det er Ver­mitt­lungs­vor­schlag letzt­lich die Basis für die Zu­sam­me­n­a­r­beit zwi­schen Fach- und Selbst­hil­fe ab 1945 bis in die 1980er Jahre.

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