Bruch Selbsthilfe/Fachhilfe
Bruch Selbsthilfe/Fachhilfe
Die Gehörlosenzeitung stellt in ihrer Nummer 2/1986 neue Mitarbeiter:innen vor. Zu ihnen gehört ein gehörloser Student. Sein Name: Marcus Huser (1956-1991). Marcus Huser wird mit seiner Persönlichkeit das Gehörlosenwesen bis zu seinem zu frühen Tod nachhaltig prägen. Er ist beharrlich, eloquent, visionär, diplomatisch und besitzt über einen grossen Gestaltungswillen. Gefühlt in jeder Kommission, Fachgruppe oder Vorstand ist er dabei. Sein Einfluss scheint so gross zu sein, dass Zeitgenossen sich fragen: Was wäre das Gehörlosenwesen, würde Marcus Huser noch leben? Oder wie würde das Gehörlosenwesen heute aussehen, hätte es Marcus Huser nie gegeben?
Marcus Huser ist jedoch nur eine weit herausragende Figur eines Generationenwechsels im Gehörlosenwesen. Auf Gehörlose wie Hans Ritter oder Ernst Bühler folgen Personen wie Katja Tissi, Ruedi Graf oder Peter Hemmi. Die “neuen” Gehörlosen bringen einen anderen Blickwinkel in das Gehörlosenwesen ein und verfolgen hartnäckiger ihre Ziele. Dies führt innerhalb weniger Jahren zu einem tiefgreifenden Wandel. Aus heutiger Perspektive wirkt deshalb das Schaffen der “neuen” Gehörlosen in den 1980er Jahren dynamisch und selbstbewusst. Die alten Gehörlosen trifft dagegen der Vorwurf, zu anpassend gewesen und von den Hörenden dominiert worden zu sein.
Was die neue Generation der Gehörlosen von ihren Vorgängern unterscheidet: Sie sind wesentlich besser ausgebildet. Viele der neuen gehörlosen Führungskräfte haben einen Fachhochschul-Abschluss oder – wie im Fall von Marcus Huser – sogar einen Universitätsabschluss. Die Gehörlosen erkämpfen sich so die Chance, als Fachkräfte im Gehörlosenwesen zu arbeiten. So stellt die Gehörlosenschule zunehmend gut ausgebildete Gehörlose an, darunter Marcus Huser. Auch die Gehörlosenselbsthilfe profitiert. 1988 beschäftigt der SGB mit Peter Hemmi und Katja Tissi erstmals bezahlte Mitarbeiter:innen.
Mit den eigenen Arbeitsräumen und bezahlten Stellen kann der SGB zusätzliche Angebote für die Gehörlosen anbieten: das Regionalsekretariat Deutschschweiz des SGB u.a. die Vereinsarbeit und die Vereinsberatung, Jugend- und Bildungsarbeit, Informations- und Öffentlichkeitsarbeit. 1987 veröffentlicht der SGB-Deutschschweiz erstmals die SGB-Nachrichten (heute visuell plus). Die Gesamtverantwortung übernimmt vorerst Marcus Huser. Ab 1988 wird die Aufgabe auf Peter Hemmi, Elisabeth Hänggi, Marcus Huser und Zdrawko Zdrawkow aufgeteilt. Gleich in den ersten Nummern machen die Herausgeber klar: Die SGB-Nachrichten sind die Mitgliederzeitschrift des SGB-Deutschschweiz. Keine andere Vereinszeitschrift kann und darf diese Aufgabe übernehmen. Mit dieser Haltung gehen die Herausgeber auf Konfrontationskurs mit der Gehörlosenzeitung (heute Sonos), die seit 1945 auch das Vereinsblatt des SGB ist.
Dass der SGB die Gehörlosen selbst vertritt, wird auch politisch spürbar. Mit Marcus Huser sucht der SGB zunehmend den Kontakt zu ASKIO (Arbeitsgemeinschaft der Kranken- und Invaliden-Selbsthilfeorganisationen, heute AGILE). Die Mitwirkung in der ASKIO gibt der wachsenden Gehörlosen-Emanzipation wichtige Impulse. Zudem arbeitet der SGB ab 1987 auch mit den Hörbehinderten-Verbänden zusammen. Man ist sich einig, dass sich trotz der Unterschiede der Kampf für Anliegen von Gehörlosen lohnt. Es ist der Beginn einer Zusammenarbeit, in der sich Schwerhörende und Gehörlose in verschiedenen Gremien gemeinsam für ihre Anliegen einsetzen.
Gegen innen versucht der SGB, die Spielregeln zu seinen Gunsten zu verändern. Seit 1945 besteht der Gehörlosenrat als Austausch- und Koordinationsgremium für die Gehörlosenvereine. Über den Gehörlosenrat können die Gehörlosenvereine Wahlvorschläge für den Zentralvorstand der Schweizerischen Vereinigung für das Gehörlosenwesen (SVG, heute Sonos) einreichen. Die Generalversammlung kann jedoch auch andere Kandidat:innen vorschlagen und wählen. 1982 erreicht der SGB, dass die Gehörlosenvertreter nur aus den Wahlvorschlägen des Gehörlosenrats gewählt werden dürfen.
Doch auch dem Gehörlosenrat selbst geht es an den Kragen. 1982 entsteht in Zürich eine Deutschschweizer Gehörlosen-Konferenz als Austausch- und Koordinationsplattform der Gehörlosenvereine. Dadurch wird der Gehörlosenrat überflüssig und der SGB verlangt dessen Abschaffung. Auch dieses Anliegen bringt der SGB zusammen mit solidarischen Hörenden wie Emmy Zuberbühler 1988 an der Generalversammlung des SVG durch.
Seit 1945 sind SGB und SVG über die Statuten miteinander verbunden. Der SGB verändert jedoch in den 1980er Jahren zunehmend die unvorteilhaften Rahmenbedingungen. Er gibt mit den SGB-Nachrichten eine eigene Vereinszeitschrift heraus. Er sucht sich mit der ASKIO und der Zusammenarbeit mit Hörbehinderten-Verbänden neue Partner. Er stellt mit dem Gehörlosenrat jahrzehntelange Strukturen in Frage. Kurz gesagt: Der SGB pocht auf die Alleinvertretung der Gehörlosen. Doch damit stellt der SGB zunehmend den Kompromiss von 1945 in Frage: Die von Hörenden dominierte Fachhilfe behält das Vertretungsmonopol, zieht jedoch Betroffene in ihre Entscheidungen mit ein.
Dennoch ist eine Trennung unausweichlich. 1992 wird Beat Kleeb als erster und bisher einziger Gehörloser zum Präsidenten des SVG gewählt. Er ist eine integrierende Persönlichkeit. In den sogenannten Ittinger-Gesprächen versucht er, die Zusammenarbeit zwischen Gehörlosen-Selbsthilfe und Gehörlosen-Fachhilfe auf eine neue Grundlage zu stellen. Dass er bereits 1994 aus familiären und beruflichen Gründen zurücktreten muss, ist für das Gehörlosenwesen ein schwerer Schlag. Mit Felix Urech und Bruno Steiger übernehmen die bisherigen Vizepräsidien den SVG als Co-Präsidium, die Weiterführung des bisherigen Wegs wäre realistisch gewesen. Doch das Misstrauen sitzt offenbar zu tief und die Trennung letztlich unvermeidlich.