Auslandreisen, Gallaudet College, Migration
Gehörlose auf Reisen
Ernst Müllimann war gehörlos und arbeitete über vierzig Jahre als Gärtner für die kantonale Blinden- und Taubstummenanstalt (Verweis auf N. N. N. Gehörlose Lehrkräfte).
Müllimann geht haushälterisch mit seinem Einkommen um; doch die jährliche Auslandreise lässt er sich nicht nehmen. Selbst in fremdsprachigen Ländern weiss er sich als Gehörloser zu behaupten.
Nicht nur Ernst Müllimann lockt bereits früh das Ausland. 1929 tritt die «Fussball-Nati» der Gehörlosen in Mailand und Lugano gegen eine italienische Auswahl an. Es endet in einem Debakel. Wesentlich erfolgreicher verlaufen Einsätze an den Gehörlosenolympiaden, heute Deaf-Olympics. Der gehörlose Silvio Spahni gewinnt an den Gehörlosenolympiaden in Mailand (1957) fünfmal Gold.
Der Sport ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, als Gruppe ins Ausland zu reisen. 1954 wird der Zürcher Mimenchor gegründet. Dieser soll die biblischen Geschichten visualisieren. Doch seine Gastspiele führen ihn unter anderem an die Weltkongresse des Weltverbandes der Gehörlosen, etwa 1975 nach Washington D. C. Der Mimenchor eröffnet den grossen Empfang des Weltkongresses mit dem Mimenspiel «Die Heilung des Taubstummen». Der Auftritt findet im berühmten «Kennedy Center for Performing Arts» statt.
Doch Sportanlässe und Kongresse sind vor allem auch ein Ort des Austauschs und der Begegnung. Solche Begegnungen waren und sind für die Entwicklung der Schweizerischen Gehörlosengemeinschaft enorm wichtig, insbesondere bezüglich Emanzipation und der Verwendung der Gebärdensprache. Die vierten Weltwinterspiele von Montana schaffen es 1959 sogar in die Schweizer Filmwochenschau. Der Vorläufer der Tagesschau läuft von 1940 bis 1975 als Vorprogramm in den Schweizer Kinos. Was man dort im Film sieht, dürfte manchem Oralisten gar nicht gefallen haben. Denn dort stehen die Zuschauer gebärdend neben einer Slalomstrecke. Austausch und Sightseeing gibt es für den Mimenchor auch am Weltkongress von 1975 in Washington. Ein Besuch am Gallaudet College darf nicht fehlen, der berühmten weiterführenden Schule für Gehörlose in den USA.
Schule für Gehörlose
Überhaupt das Gallaudet College: Es wird in den 1970er und 1980er Jahren ein Sehnsuchtsort für schweizerische Gehörlose. Doch auch die Kantonale Gehörlosenschule wird später eine Delegation ans Gallaudet College schicken, um von dessen Erfahrungen zu profitieren. Zudem unterstützte die Gehörlosenschule in mindestens zwei Fällen, damit Gehörlose am Gallaudet College studieren dürfen.
Die Gehörlosen ziehen jedoch nicht nur in die Welt hinaus, die Welt kommt auch zu ihnen. Der grosse Wirtschaftsaufschwung lässt sich nur mit ausländischen Arbeitskräften abdecken. Die Schweiz betrachtet die Einwanderung jedoch nur als vorübergehendes Phänomen. Auch zum Schutz vor Überfremdung setzt die Schweiz deshalb auf befristete Arbeitsbewilligungen, der Verhinderung des Familiennachzugs und hohe Hürden für eine dauerhafte Niederlassungsbewilligung. Erst ab den 1960er Jahren gibt es auf Druck von Entsenderstaaten wie Italien arbeits- und sozialrechtliche Verbesserungen für Gastarbeiter. So wird etwa der Familiennachzug erleichtert.
Die Gehörlosenschule spürt den Aufenthalt von Gastarbeitern ebenfalls. Seit Mitte der 1960er Jahren schult die Gehörlosenschule einen grösseren Anteil Kinder mit ausländischer Staatsbürgerschaft. Gottfried Ringli beschreibt in einem Jahresbericht von 1970, wie die Einschulung eines solchen Kindes verläuft. 1970 erhält er von der Pädaudiologischen Beratungsstelle Zürich die Mitteilung, dass ihr ein ungeschultes türkisches Kind zugeteilt worden ist. Also macht Gottfried Ringli kurz vor den Sommerferien einen Hausbesuch bei der Familie. Dort erfährt er, dass die Eltern ihre geliebten Kinder nach dreijähriger Tätigkeit in der Schweiz nachholen konnten.
Der Vater spricht etwas Deutsch, die Eltern erweisen sich als gastfreundlich und offen. Mit einfachem Deutsch, Gebärden, Zeichnungen und auch der Hilfe der älteren Schwester gelingt es Ringli, den Grund seines Besuches zu erklären. Die Eltern sind bereit, ihr gehörloses Kind in die Gehörlosenschule zu geben. Zufrieden fährt Ringli in die Gehörlosenschule zurück. Doch die skeptische Lehrerschaft empfiehlt einen Schnupperbesuch. So vereinbart Ringli einen Schnupperbesuch, der sich trotz erstem Sträuben des Kindes als positiv erweist. Obwohl viele Zweifel bestehen, tritt das türkische gehörlose Kind am vereinbarten Tag in die Gehörlosenschule ein.
1979
Das Fax
„Meine wahren Freunde haben ein Fax. Anna Wintour hat eines. So kommunizieren wir.“, sagt Karl Lagerfeld – und ist damals nicht der einzige Fan der neuen Technologie. Fax, kurz für Faksimile, macht plötzlich möglich, was vorher umständlich war: Dokumente direkt von Ort zu Ort schicken, ohne Umweg. Und wenn es um Rechtsgültigkeit und Verbindlichkeit geht, ist es bis heute nicht ganz abgeschrieben.
Fremdsprachig in der Gehörlosenschule
Wie geht die Gehörlosenschule aber mit fremdsprachigen Kindern um? Denn die Kinder lernen in der Gehörlosenschule Hochdeutsch, das die Kinder zu Hause nicht sprechen würden. Wobei Ringli im Jahresbericht von 1974 kritisch anmerkt, dass gehörlose Kinder mit deutschen oder österreichischen Eltern in dieser Situation sogar im Vorteil seien.
Verena Gasser untersucht diese Situation 1974 in ihrer Diplomarbeit. Sie stellt fest, dass ausländische und einheimische Kinder mit einem ähnlichen Bildungsstand in die Gehörlosenschule eintreten. Der Einfluss des Elternhauses ist also wenig spürbar. Einheimische und ausländische Kinder lernten zudem wegen des Abseh-Unterrichts Deutsch als Fremdsprache. Das erleichtere die Integration ausländischer Kinder deutlich. Schliesslich treten einheimische und gehörlose Kinder mit dem gleichen Bildungsstand aus der Gehörlosenschule ins Berufsleben. Vor diesem Hintergrund stuft Gasser Beschulung ausländischer Kinder als sinnvoll ein.
Probleme gebe es nur, falls die Eltern mit den Kindern in ihr Heimatland zurückkehren würden. Tatsächlich flaut die Wirtschaft in den 1970er Jahren ab, viele ausländische Arbeitskräfte kehren in ihre Heimat zurück. Doch in der Gehörlosenschule ist diese Rückkehrbewegung eher wenig spürbar. Nur vereinzelt treten Kinder aus, um mit den Eltern in ihre Heimat zurückzukehren.