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Vom Fürsorgeverein zur IV

Ab 1848 nimmt in der Schweiz das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum zu. Viele Men­schen und auch viele ge­hör­lo­se Men­schen zie­hen für eine Ar­beits­stel­le in die Stadt. Diese wach­sen­de Mo­bi­li­tät kann die auf die Ge­mein­den aus­ge­leg­te Un­ter­stüt­zung nicht mehr auf­fan­gen. Pri­va­te Hilfs­ge­sell­schaf­ten, ge­mein­nüt­zi­ge Ver­ei­ne und be­triebs­ei­ge­ne Pen­si­ons- oder Kran­ken­kas­sen sprin­gen in die Bre­sche. Sie lösen das mo­ra­li­sie­ren­de Un­ter­stüt­zungs­mo­dell durch eine Kol­lek­tiv­ver­si­che­rung ab. Gegen einen Bei­trag er­hal­ten die Mit­glie­der eine ga­ran­tier­te Un­ter­stüt­zung.
Diese Ent­wick­lung zeigt sich auch im Ge­hör­lo­sen­we­sen. Pri­va­te Stif­tun­gen tra­gen etwa die Taub­stum­me­n­an­stal­ten in Zü­rich oder in Aarau. Da­ne­ben gibt es Hilfs­ver­ei­ne, die etwa im 19. Jahr­hun­dert ge­hör­lo­sen Lehr­lin­gen das Lehr­geld be­zah­len oder sie bei Ar­beits­lo­sig­keit un­ter­stüt­zen. Die Al­ters­hei­me in Ue­ten­dorf­berg und Hir­zel­heim ent­ste­hen eben­falls auf pri­va­ter Basis: Das 1911 ge­schaf­fe­ne Män­ner­heim geht auf eine In­itia­ti­ve von Eugen Su­ter­meis­ter zu­rück, der für ein sol­ches Heim in der Ge­hör­lo­sen­zei­tung Geld sam­melt. Die Lei­tung über­nimmt 1911 der Schwei­ze­ri­sche Für­sor­ge­ver­ein für Taub­stum­me (heute Sonos).
Ein re­gel­rech­ter «Ge­mischt­wa­ren­la­den» bei der Be­zah­lung von Leis­tun­gen zeigt sich auch beim Schul­geld für die Taub­stum­me­n­an­stal­ten. Dass Ge­mein­den, El­tern und Hilfs­ver­ei­ne das Kost­geld für eine ge­hör­lo­se Schü­le­rin oder einen ge­hör­lo­sen Schü­ler auf­brin­gen, ist ge­ra­de bei länd­lich ge­präg­ten Schu­len wie dem Lan­den­hof häu­fig der Fall.
Eine ge­mäs­sig­te Um­set­zungs­vor­la­ge schei­tert 1931 an der Urne. Der Zwei­te Welt­krieg be­in­hal­tet je­doch einen ge­wich­ti­gen Aus­bau­schritt. Be­reits 1939 führt der Bun­des­rat eine gut funk­tio­nie­ren­de Lohn­aus­fall­ent­schä­di­gung ein. Eine an­ge­pass­te Re­ge­lung dehnt die Mass­nah­men 1940 auch auf Un­selb­stän­di­ge aus. Die Lohn­aus­fall­ent­schä­di­gung wird zum Vor­bild der AHV. Am 6 Juli 1947 neh­men die Stimm­be­rech­tig­ten das neue So­zi­al­werk an, als deren Vater bis heute der Bun­des­rat Walt­her Stampf­li gilt.
Eine In­va­li­den­ver­si­che­rung gibt es je­doch wei­ter­hin nicht. Um die AHV ver­meint­lich schnel­ler zu re­a­li­sie­ren, ver­zich­tet das Pa­r­la­ment 1925 auf eine gleich­zei­ti­ge Ein­füh­rung von AHV und IV. Nach der Re­a­li­sie­rung der AHV 1947 kommt die In­va­li­den­ver­si­che­rung (IV) in den 1950er Jah­ren wie­der auf die po­li­ti­sche Trak­tan­den­lis­te. Die Struk­tu­ren Bei­trags-, Ren­ten- und Fi­nan­zie­rungs­sys­tem über­nimmt die In­va­li­den­ver­si­che­rung von der AHV. Für De­tail­fra­gen setzt der Bund 1955 eine un­ab­hän­gi­ge Ex­per­ten­kom­mis­si­on ein. 1959 ver­ab­schie­det das Pa­r­la­ment das In­va­li­den­ver­si­che­rungs­ge­setz (IVG). Auf den 1. Ja­nu­ar 1960 tritt das IVG in Kraft, und die IV nimmt ihren Be­trieb auf.
Ge­hör­lo­se Kin­der er­hal­ten je­doch nach Am­mann kein Hör­ge­rät. Dies dürf­te auch damit zu­sam­men­hän­gen, dass die da­ma­li­gen Hör­ge­rä­te kaum einen Nut­zen für die ge­hör­lo­sen Kin­der brin­gen. Die tech­ni­sche Ent­wick­lung bei den Hör­ge­rä­ten macht nach dem Zwei­ten Welt­krieg zwar gros­se Fort­s­chrit­te. Den­noch sind die Ge­hör­lo­sen­schu­len noch in den 1940er und 1950er Jah­ren vor­wie­gend damit be­schäf­tigt, gegen «Scha­r­la­ta­ne» unter den Hör­ge­rä­te­ver­käu­fern vor­zu­ge­hen. Diese Händ­ler ver­kau­fen unter gros­sen Ver­spre­chun­gen eben­so teure wie nutz­lo­se Hör­ge­rä­te an ver­zwei­fel­te El­tern mit ge­hör­lo­sen Kin­dern. Nur mit Mühe ge­lingt es den Taub­stum­me­n­an­stal­ten, das Geld zu­rück­zu­for­dern.
Ge­ra­de der letz­te Grund­satz löst eine alte For­de­rung der Ge­hör­lo­sen­schu­le ein. Dass Kan­ton und Ge­mein­den sich kos­ten­mäs­sig nicht an der Schu­lung ge­hör­lo­ser Kin­der in der Ge­hör­lo­sen­schu­le be­tei­li­gen, sorgt bei den Ge­hör­lo­sen­schu­len für pre­kä­re fi­nan­zi­el­le Ver­hält­nis­se. Nun sorgt die IV für gleich lange Spies­se und gleicht die hö­he­ren Aus­ga­ben für die Ge­hör­lo­sen­bil­dung aus.

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