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Spanische Grippe in Wollishofen

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Anstaltsepidemien
Die Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt weiss mit Krank­hei­ten um­zu­ge­hen. Ob Ma­sern, Mumps, Wa­r­zen, Rö­teln, Keuch­hus­ten oder Scha­r­lach – der An­stalts­a­rzt kämpft noch in den 1930er und 1940er Jah­ren damit, dass es zu kei­nen «An­stalt­s­epi­de­mi­en» kommt. Doch gegen die Spa­ni­sche Grip­pe, die ab Som­mer 1918 über die Schweiz her­ein­bricht, hel­fen die An­stalts­mit­tel nicht wei­ter.
Die Spa­ni­sche Grip­pe, ein H1N1-Virus, tritt in der Schweiz vom Früh­jahr 1918 bis im Mai 1919 in Schü­ben auf. Ge­mäss Schät­zun­gen ster­ben in der Schweiz rund 25'000 Per­so­nen an der Spa­ni­schen Grip­pe, etwa 2 Mil­li­o­nen Men­schen er­kran­ken. Dies ist etwa die Hälf­te der da­ma­li­gen Be­völ­ke­rung. Wohl auch wegen der Durch­seu­chung der Schwei­zer Be­völ­ke­rung endet die Grip­pe im Früh­jahr 1919. Trotz ihres Na­mens brach die Spa­ni­sche Grip­pe nicht in Spa­ni­en aus. Es ist le­dig­lich das erste Land, das über diese Krank­heit be­rich­tet, an der selbst der König lei­det. Zeit­ge­nos­sen scheint dies klar ge­we­sen zu sein.
Selbst in den Re­gie­rungs­rats­be­schlüs­sen wer­den Mass­nah­men gegen die Spa­ni­sche Grip­pe nur unter den Be­grif­fen «Grip­pe» oder «Epi­de­mie» ab­ge­fasst. Bis heute ist der Ur­sprung der «Spa­ni­schen Grip­pe» nicht ge­klärt. Eine These ist, dass die Spa­ni­sche Grip­pe durch ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten nach Eu­r­o­pa kam.
Spanische Grippe 1918
Am 25. Juli 1918 er­lässt der Re­gie­rungs­rat des Kan­tons Zü­rich, ge­stützt auf den Bun­des­rats­be­schluss vom 18. Juli 1918, ein Ver­samm­lungs­ver­bot. Ver­bo­ten sind «alle Ver­an­stal­tun­gen, wel­che zur An­samm­lung zahl­rei­cher Per­so­nen am glei­chen Ort oder im glei­chen Raum füh­ren, wie Volks­ver­samm­lun­gen, Fest­lich­kei­ten jeder Art und die mit sol­chen ver­bun­de­nen Schau­stel­lun­gen, Kirch­weih­fes­te und Tanz­be­lus­ti­gun­gen».
Als die erste Welle der Spa­ni­schen Grip­pe all­mäh­lich ab­klingt, hebt der Re­gie­rungs­rat das Ver­samm­lungs­ver­bot teil­wei­se wie­der auf. Tanz­be­lus­ti­gun­gen und Ge­sangs­übun­gen blei­ben auch im De­zem­ber 1918 ver­bo­ten. In die­sen Ver­an­stal­tun­gen sieht der Re­gie­rungs­rat das gröss­te Ri­si­ko für die Wei­ter­ver­brei­tung der Epi­de­mie.
Die Grip­pe trifft auch die da­ma­li­ge Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt. Sie hat zwar keine Grip­pe­to­te zu be­kla­gen. Den­noch gibt es auch in der An­stalt Krank­heits­fäl­le. Be­son­ders hart trifft es die frisch ge­wähl­te «Di­rek­to­ren­fa­mi­lie». Di­rek­tor Jo­han­nes Hepp er­krankt schwer; der Krank­heits­ver­lauf nimmt am fünf­ten und sechs­ten Tag be­droh­li­chen Cha­rak­ter an. Auch seine Frau und zwei sei­ner Kin­der er­kran­ken leicht. Alle er­ho­len sich gut. Wei­ter er­kran­ken drei Leh­re­rin­nen, drei Haus­halts­ge­hil­fin­nen und ei­ni­ge we­ni­ge Zög­lin­ge. Alle diese Fälle ver­lau­fen leicht und ohne Kom­pli­ka­ti­o­nen.
Gra­vie­r­en­der sind die Fol­gen für den Un­ter­richt. Die Fe­ri­en etwa wer­den im Som­mer von vier auf sechs Wo­chen ver­län­gert. Als die In­fek­ti­o­nen im Ok­to­ber 1918 an­zie­hen, sieht sich die Auf­sichts­kom­mis­si­on zu einem dras­ti­schen Schritt ge­zwun­gen: Sämt­li­che ex­ter­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler wer­den für min­des­tens vier Wo­chen vom Un­ter­richt aus­ge­schlos­sen.
Die in­ter­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler blei­ben vor­läu­fig in der An­stalt. Sie müs­sen je­doch die Vor­sichts­mass­nah­men ein­hal­ten. Er­krankt eines der in­ter­nen Kin­der, wird es so­fort vom Un­ter­richt dis­pen­siert. Zudem soll die An­stalt die El­tern an­fra­gen, ob die in­ter­nen Kin­der nicht nach Hause ge­nom­men wer­den kön­nen.
Der Tonfilm

1927

Der Tonfilm
Erst be­­wegt sich das Bild. Dann be­­kommt es eine Stim­­me. Bis in die 1920er bleibt Kino meist stumm, be­glei­tet von Musik im Saal. Mit dem Ton­­film wer­­den Di­a­lo­­ge und Ge­räu­­sche Teil des Films selbst – und das Kino en­d­­gül­tig zum Ge­­sam­ter­le­b­­nis.
Unterricht trotz Epidemie
Kriegs­not und An­ste­ckungs­ge­fahr hin­dern einen Teil der El­tern daran, ihre Kin­der nach Hause zu neh­men. Wäh­rend der Grip­pe­fe­ri­en im Ok­to­ber/No­vem­ber blei­ben 15 Schü­le­rin­nen und Schü­ler in der An­stalt. Für sie wird ein Not­pro­gramm or­ga­ni­siert, das bei schö­nem Wet­ter mög­lichst draus­sen statt­fin­det. Im No­vem­ber er­kran­ken je­doch sämt­li­che ex­ter­nen Lehr­per­so­nen.
In der Taub­stum­me­n­ab­tei­lung sind ge­ra­de mal zwei Lehr­kräf­te ar­beits­fä­hig. Wegen der Ab­we­sen­heit der ex­ter­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler kann aber mit Hilfe der Auf­sichts­leh­re­rin­nen der Un­ter­richt und der An­stalts­be­trieb auf­recht­er­hal­ten wer­den. Die Auf­sichts­leh­re­rin­nen ver­zich­ten dafür auf ihre Fe­ri­en.
Als die Epi­de­mie ab­flacht, wer­den zu­erst die in­ter­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler in die An­stalt zu­rück­ge­holt. Für sie be­ginnt der stun­den­plan­mäs­si­ge Un­ter­richt am 11. No­vem­ber 1918. Die ex­ter­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler müs­sen je­doch wei­te­re vier­ein­halb Wo­chen dem Un­ter­richt fern­blei­ben. Der Un­ter­richt für sämt­li­che Schü­le­rin­nen und Schü­ler star­tet erst ab dem 11. De­zem­ber 1918. Wegen der Grip­pe haben die in­ter­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler 2018 16 statt 9 Wo­chen Fe­ri­en, bei den ex­ter­nen Schü­lern sind es sogar 20 Wo­chen Fe­ri­en. Diese vie­len Aus­fäl­le sind kaum auf­zu­ho­len.
Eine wei­te­re ein­schnei­den­de Mass­nah­me sind die Be­suchs­ver­bo­te. Be­reits am Leh­rer­kon­vent vom 6. Juli 1918 macht der neu­ge­wähl­te Di­rek­tor Jo­han­nes Hepp dar­auf auf­merk­sam, dass Be­su­che von Freun­den und Be­kann­ten in der An­stalt ver­bo­ten sind. Auch die Weih­nachts­fei­er bleibt wegen des Be­suchs­ver­bots auf die in­ter­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler der An­stalt be­schränkt. Als Er­satz lädt die Schu­le ex­ter­ne Gäste und die ex­ter­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler nach­träg­lich zu einem Nacht­es­sen ein.

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