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Corona

Ein neuer Virus
Rund 100 Jahre nach der Spa­ni­schen Grip­pe sieht sich die Schwei­zer Be­völ­ke­rung er­neut mit einer le­bens­be­droh­li­chen Krank­heit kon­fron­tiert. Von China her­kom­mend er­reicht das neu auf­ge­tre­te­ne Virus SARS-CoV-2 im Fe­bru­ar 2020 die Schweiz. Am 16. März stellt der Bun­des­rat die aus­ser­or­dent­li­che Lage fest. Die ver­ord­ne­ten Mass­nah­men schrän­ken das öf­fent­li­che Leben stark ein. Die Mass­nah­men blei­ben als Lock­down in Er­in­ne­rung.
Krisenzeiten im Vergleich
Vom Lock­down ist das Zen­trum für Gehör und Spra­che (ZGSZ) nicht di­rekt be­trof­fen. Das ZGSZ gilt als sys­tem­re­le­vant. Schü­le­rin­nen und Schü­ler dür­fen frei­wil­lig am Un­ter­richt teil­neh­men. Ge­mäss den Er­in­ne­run­gen des da­ma­li­gen und ak­tu­el­len Di­rek­tors Da­ni­el Art­mann wird die­ses An­ge­bot auch ge­nutzt. Wäh­rend des Lock­downs bleibt etwa zwei Drit­tel der Kin­der zu Hause, wäh­rend ein Drit­tel wie ge­wohnt zum Un­ter­richt er­schei­nen.
Dass das ZGSZ den Be­trieb fort­führt, ist wohl einer der gröss­ten Un­ter­schie­de zu den Mass­nah­men wäh­rend der Spa­ni­schen Grip­pe. 1918 wer­den wegen der Spa­ni­schen Grip­pe die Som­mer­fe­ri­en ver­län­gert. Im Herbst 1918 wütet die Spa­ni­sche Grip­pe be­son­ders stark. Alle Zög­lin­ge wer­den so weit mög­lich nach Hause ge­schickt. Es gibt nur zwei Aus­nah­men: In der Fa­mi­lie von Zög­lin­gen gibt es Krank­heits­fäl­le oder die El­tern kön­nen die Kin­der so kurz­fris­tig nicht auf­neh­men. Für ei­ni­ge fällt so die Schu­le bis zu zwei­ein­halb Mo­na­te aus.
Doch die Zei­ten waren da­mals an­ders. 1918 war die «An­stalt» in Wol­lis­ho­fen noch ein ver­hält­nis­mäs­sig ge­schlos­se­nes Sys­tem. Ge­hör­lo­sen­schu­le und die Schu­lung von ge­hör­lo­sen und schwer­hö­ri­gen Kin­dern haben sich seit­her je­doch stark ver­än­dert. Bus­un­ter­neh­men brin­gen ex­ter­ne Schü­le­rin­nen und Schü­ler in Sam­mel­trans­por­ten zum Un­ter­richt. Zudem sind ei­ni­ge Schü­le­rin­nen und Schü­ler teilin­te­griert, be­su­chen also den Un­ter­richt an ihrer Wohn­ge­mein­de und im ZGSZ. Doch auch der 1986 neu ge­schaf­fe­ne Au­dio­päd­ago­gi­sche Dienst (APD) hat viel­fäl­ti­ge Kon­tak­te zur «Aus­sen­welt». So berät der APD die El­tern ge­hör­lo­ser oder schwer­hö­ri­ger Kin­der am Wohn­ort. Oder er un­ter­stützt Lehr­per­so­nen, die in ihrer Klas­se ein hör­be­ein­träch­tig­tes Kind haben.
Entscheidungen treffen
Die Lei­tung des ZGSZ sieht sich bei der Pan­de­mie­be­kämp­fung zu har­ten Ent­schei­dun­gen ge­zwun­gen. Sie streicht Schul- und Klas­sen­rei­sen sowie klas­sen­über­grei­fen­de An­läs­se. Ob Pro­jekt­ta­ge, Schul­h­aus­fes­te Le­se­näch­te, Sport­tag oder das Win­ter­la­ger: Alle diese eta­blier­ten Ver­an­stal­tun­gen fal­len der Pan­de­mie­be­kämp­fung zum Opfer.
Da­ne­ben gilt es, Schutz­kon­zep­te aus­zu­a­r­bei­ten. Bald zeigt sich, dass ein ein­zi­ges Schutz­kon­zept nicht allen Be­rei­chen des ZGSZ ge­recht wird. Wohn­grup­pen, Schu­le und APD haben nun mal ver­schie­de­ne Be­dürf­nis­se. In allen Schutz­kon­zep­ten sind zwar die Grund­la­gen wie Ab­stands­re­geln, Mas­ken­pflicht oder Lüf­ten ob­li­ga­to­risch. Die Ab­tei­lun­gen er­a­r­bei­ten auf die­sem «Grund­kon­zept» bei Be­da­rf wei­ter­füh­ren­de Re­geln. So er­hält der APD etwa zu­sätz­li­che Vor­schrif­ten beim Spiel­ma­te­ri­al für die El­tern­be­ra­tung.
Das smarte Hörgerät

2010er

Das smarte Hörgerät
Von der «ein­fa­chen Hör­hil­­fe» zum ver­­­netz­ten Be­glei­ter: Te­le­­fona­te, Musik oder Filme wer­­den jetzt di­rekt ins Hör­­ge­rät ge­stre­amt. Gleich­­zei­tig hel­­fen neue Tech­no­lo­­gi­en dabei, Stim­­men kla­­rer und stö­ren­­de Ge­räu­­sche lei­­ser wer­­den zu las­­sen.
Alltag mit Abstand
Am 11. Mai 2020 fin­det am Stand­ort Wol­lis­ho­fen wie­der der Prä­senz­un­ter­richt für alle statt. Nun kom­men neue lo­gis­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen auf das ZGSZ zu; etwa die Ver­pfle­gung und die Mas­ken­pflicht. Im gros­sen Spei­se­saal neh­men tra­di­ti­ons­ge­mäss die Mit­a­r­bei­te­rin­nen des ZGSZ, die in­ter­nen und ex­ter­nen Kin­der ge­mein­sam das Mit­tag­es­sen ein. Doch nicht wäh­rend der Pan­de­mie: Es dür­fen ma­xi­mal 30 Per­so­nen im Spei­se­saal an­we­send sein. So ge­hört der Spei­se­saal über die Mit­tags­zeit prak­tisch den Kin­dern und den Be­gleit­per­so­nen. Mit­a­r­bei­ter:innen er­hal­ten ihre Mahl­zei­ten an Es­sens­aus­ga­ben und müs­sen draus­sen, in Grup­pen­räu­men oder Klas­sen- und The­ra­pieräu­men ihr Essen ein­neh­men.
Masken erschweren die Kommunikation
Be­son­de­res Kopf­zer­bre­chen be­rei­tet dem ZGSZ die Um­set­zung die Mas­ken­pflicht und die Ab­stands­re­geln. Beide Mass­nah­men tref­fen die ge­hör­lo­sen und schwer­hö­ri­gen Kin­der be­son­ders hart. Sie sind dar­auf an­ge­wie­sen, dass sie von den Lip­pen ab­le­sen kön­nen. Ins­be­son­de­re die jün­ge­ren Kin­der müs­sen zwar keine Mas­ken tra­gen; für die Er­wach­se­nen ist dies je­doch Pflicht.
Im Un­ter­richt be­hel­fen sich die Lehr­per­so­nen mit Ple­xi­glas-Vi­sie­ren oder trans­pa­ren­ten Mas­ken. Doch ideal ist die Si­tua­ti­on kei­nes­wegs. Von den trans­pa­ren­ten Mas­ken der Lehr­per­so­nen be­kom­men die Kin­der Kopf­weh oder ihnen wird schwind­lig. Schwie­rig ist die Mas­ken­pflicht auch für Hör­be­hin­der­te Mit­a­r­bei­ter:innen. Sie haben noch mehr Schwie­rig­kei­ten, Sit­zun­gen vor Ort zu fol­gen. Trans­pa­ren­te Mas­ken, die hier Ab­hil­fe hät­ten schaf­fen kön­nen, sind für alle Mit­a­r­bei­ten­den erst ab No­vem­ber/De­zem­ber 2020 ver­füg­bar. Und so fin­det sich in den Newslet­tern re­gel­mäs­sig Hin­wei­se auf tech­ni­sche Hilfs­mit­tel, um hör­be­hin­der­te Mit­a­r­bei­ten­de in die­ser Si­tua­ti­on zu un­ter­stüt­zen.
Die Mas­ken sind heute wie­der ver­sorgt und der Spei­se­saal in der Mit­tags­zeit er­neut voll­be­setzt. Doch was bleibt im Rü­ck­blick auf die Pan­de­mie? Da­ni­el Art­mann, der da­ma­li­ge und ak­tu­el­le Di­rek­tor des ZGSZ, er­in­nert sich: Neben der Um­set­zung der Vor­ga­ben brauch­te es auch eine sorg­fäl­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on. Dazu ge­hört das of­fe­ne Ohr für die An­lie­gen der Mit­a­r­bei­ten­den.

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