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Ukrainekrieg

Flucht vor dem Krieg
Am 24. Fe­bru­ar 2022 star­tet Russ­land einen An­griffs­krieg gegen die Uk­rai­ne. Als Folge des Kon­flikts flüch­ten viele Men­schen aus der Uk­rai­ne nach Eu­r­o­pa; also auch in die Schweiz. Die Schweiz re­a­giert und ak­ti­viert erst­mals den Schutz­sta­tus S. Die­ser Sta­tus S ist ur­sprüng­lich wäh­rend der Bal­kan­krie­ge ge­schaf­fen wor­den, um vor­über­ge­hend Schutz­be­dürf­ti­gen, z. B. wegen eines Krie­ges, Schutz zu bie­ten.
Wer vom Schutz­sta­tus S pro­fi­tiert, muss der Bun­des­rat fest­le­gen. Für die Flücht­lin­ge der Uk­rai­ne er­lässt der Bun­des­rat am 11. März 2022 eine All­ge­mein­ver­fü­gung, die den Schutz­sta­tus S re­gelt. Vom Schutz­sta­tus S pro­fi­tie­ren uk­rai­ni­sche Staats­bür­ge­rin­nen und ihre Fa­mi­lien­an­ge­hö­ri­gen sowie wei­te­re Per­so­nen­grup­pen, die vor der rus­si­schen In­va­si­on in der Uk­rai­ne Wohn­sitz haben.
Hilfe in der Krise
Am 4. März 2022 tref­fen in einem Au­to­kon­voi über­ra­schend ca. 30 ge­hör­lo­se Flücht­lin­ge im Zen­trum für Gehör und Spra­che ein. Bis im Mai 2022 kom­men in der Stadt Zü­rich etwa 300 wei­te­re ge­hör­lo­se Flücht­lin­ge aus der Uk­rai­ne an. Sie kom­men mit Bus­sen, in Au­to­kon­vois oder in Grup­pen mit Zügen. Doch wes­halb ge­lan­gen die ers­ten ge­hör­lo­sen Flücht­lin­ge ins Zen­trum für Gehör und Spra­che und nicht zu of­fi­zi­el­len Stel­len wie einem Bun­de­s­a­syl­zen­trum (BAZ)? Es gibt eine Ver­mu­tung: Die Schwei­zer Ge­hör­lo­sen-Com­mu­ni­ty baut mit den ge­hör­lo­sen Men­schen aus der Uk­rai­ne rasch Kon­tak­te auf. Zudem ist das Ge­hör­lo­sen­zen­trum auf einer in­ter­na­ti­o­na­len Hilfs­platt­form ver­merkt.
Wie auch immer die ge­hör­lo­sen Uk­rai­ner:innen vom Zen­trum für Gehör und Spra­che er­fah­ren haben: Den ge­hör­lo­sen Flücht­lin­gen muss ge­hol­fen wer­den. Sie brau­chen Be­ra­tung, Un­ter­kunft und Ver­pfle­gung. Ver­schie­de­ne Ge­hör­lo­sen­or­ga­ni­sa­ti­o­nen schlies­sen sich zu einem Kri­sen­stab zu­sam­men. Dazu ge­hö­ren DIMA, die Be­ra­tungs­stel­le für Ge­hör­lo­se und Schwer­hö­ri­ge (BFSUG), sicht­bar GE­HÖR­LO­SE ZÜ­RICH, das Ge­hör­lo­sen­dorf Stif­tung Schloss Tur­ben­thal, die Re­for­mier­te Ge­hör­lo­sen­ge­mein­de, das Zen­trum für Gehör und Spra­che Zü­rich ZGSZ und die Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le Be­hin­der­ten­rech­te vom Kan­to­na­len So­zi­al­amt Zü­rich.
DIMA rich­tet so­fort nach Kriegs­aus­bruch eine Hot­li­ne ein. Über diese Hot­li­ne fin­den un­zäh­li­ge Be­ra­tungs­ge­sprä­che mit ge­hör­lo­sen Uk­rai­ner:innen statt, die sich teils noch auf der Flucht oder be­reits in der Schweiz be­fin­den. Zudem holen unter an­de­rem Mit­a­r­bei­ter:innen von DIMA ge­hör­lo­se Flücht­lin­ge bei der An­kunft ab und be­glei­ten sie zur Re­gis­trie­rung. Mit­a­r­bei­ten­de von DIMA ste­hen auch als Kul­tur­ver­mitt­ler:innen im Ein­satz, um die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Hö­ren­den und ge­hör­lo­sen Flücht­lin­gen si­cher­zu­stel­len. Zudem setzt sich DIMA ein, dass die ge­hör­lo­sen Flücht­lin­ge Zu­gang zu In­for­ma­ti­o­nen in uk­rai­ni­scher und rus­si­scher Ge­bär­den­spra­che er­hal­ten.
An­spruchs­voll ist auch die ra­sche Si­cher­stel­lung von Un­ter­kunft und Ver­pfle­gung, auch wenn et­li­che Ge­hör­lo­se pri­vat eine Un­ter­kunft fin­den. Sicht­bar GE­HÖR­LO­SE ZÜ­RICH bie­tet im Auf­trag des Kan­tons Ver­pfle­gungs­mög­lich­kei­ten in der Ca­fe­te­ria an.
Ein Dach über dem Kopf
Das Zen­trum für Gehör und Spra­che han­delt rasch, un­bü­ro­kra­tisch und un­kom­pli­ziert. Als pro­vi­so­ri­sche Un­ter­kunft für die Ge­flüch­te­ten bie­tet sich ein leer­ste­hen­des Stock­werk an. Die Ma­trat­zen stellt der Zi­vil­schutz zur Ver­fü­gung. Doch dies ist nur eine kurz­fris­ti­ge Lö­sung. Nun er­hält das Zen­trum für Gehör und Spra­che einen Anruf des zu­stän­di­gen Kan­to­na­len So­zi­al­am­tes. Ob das Zen­trum ge­hör­lo­se Flücht­lin­ge in den Wohn­grup­pen un­ter­brin­gen könne? Das Pro­blem: Die Wohn­grup­pen sind voll. Doch das ZGSZ kann Über­nach­tungs­mög­lich­kei­ten in der Turn­hal­le an­bie­ten und Du­schen zur Ver­fü­gung stel­len. Der Zi­vil­schutz lie­fert Ma­trat­zen. Mit­a­r­bei­ten­de er­stel­len Trenn­wän­de als Sichtschutz, damit die “Pri­vatss­phä­re” ei­ni­ger­mas­sen ge­währt wer­den kann. Die Mit­a­r­bei­ten­den der Ver­wal­tung küm­mern sich um die vie­len ad­mi­nis­tra­ti­ven An­ge­le­gen­hei­ten und klä­ren das Not­wen­di­ge ab. Eine in­ter­ne Samm­lung unter Mit­a­r­bei­ten­den bringt ei­ni­ges zu­sam­men: Spiel­sa­chen, Bett­zeug, De­cken und Wä­sche wer­den ge­spen­det und von den Flücht­lin­gen dank­bar ent­ge­gen­ge­nom­men.
Mit der Un­ter­kunft al­lein ist es nicht getan: Ei­ni­ge der ein­quar­tier­ten Fa­mi­li­en haben ihre Hunde oder Kat­zen mit­ge­bracht. So muss das ZGSZ auch Ab­klä­run­gen mit dem Ve­te­ri­nä­r­amt be­züg­lich Qua­ran­tä­ne und Imp­fun­gen tref­fen.
Be­reits wäh­rend des An­sturms stellt sich die Frage: Wie geht es für die uk­rai­ni­schen ge­hör­lo­sen Flücht­lin­ge wei­ter? Wie kann man die Ver­net­zung und den Aus­tausch zwi­schen uk­rai­ni­schen und Schwei­zer Ge­hör­lo­sen för­dern? Wäh­rend sicht­bar GE­HÖR­LO­SE ZÜ­RICH Frei­zeit-Ak­ti­vi­tä­ten or­ga­ni­siert, bie­tet DIMA ver­schie­de­ne In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen an. Die erste In­for­ma­ti­ons- und Ver­net­zungs­ver­an­stal­tung fin­det am 29. April 2022 in einer voll­be­setz­ten Aula im Ge­hör­lo­sen­zen­trum statt. In Zu­sam­me­n­a­r­beit mit DIMA fin­den 2022 wei­te­re Ver­an­stal­tun­gen in Basel und Genf statt.
Neben der Wei­ter­ga­be von In­for­ma­ti­o­nen sind Deutsch­kur­se ein wich­ti­ges An­lie­gen von uk­rai­ni­schen Ge­hör­lo­sen und den Be­hör­den. DIMA or­ga­ni­siert in kur­z­er Zeit spe­zi­el­le Deutsch- und Ori­en­tie­rungs­kur­se. Diese Kurse be­gin­nen kurz dar­auf in Zü­rich, Olten, Basel, Bern und St. Gal­len und Trie­sen (Liech­ten­stein) und lau­fen bis heute wei­ter. Auch die Schu­len müs­sen In­te­gra­ti­ons­leis­tun­gen er­brin­gen. Das ZGSZ und die Sek3 neh­men in­ner­halb kur­z­er Zeit ge­hör­lo­se Schü­ler:innen aus der Uk­rai­ne auf. Deutsch ler­nen und die Vor­be­rei­tung auf die Schul­bil­dung und die Be­rufs­welt sind für die ge­hör­lo­sen Schü­ler:innen aus der Uk­rai­ne eine Her­aus­for­de­rung. Doch die Ge­bär­den­spra­che ver­ein­facht die Kom­mu­ni­ka­ti­on und er­leich­tert als ver­bin­den­des Ele­ment die In­te­gra­ti­on der uk­rai­ni­schen Ge­hör­lo­sen in die Schwei­zer Ge­hör­lo­sen­ge­mein­schaft.

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