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Die Anstalt im Zweiten Weltkrieg

Die Landi wird zum Lernort
Statt Un­ter­richt im Klas­sen­zim­mer heisst es 1939 für die Schü­ler:innen der Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt: Un­ter­richt an der Landi 39 (Schwei­ze­ri­sche Lan­des­ausstel­lung). Denn dort darf die Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt den Un­ter­richt von blin­den und ge­hör­lo­sen Schü­ler:innen vor­stel­len. Die Zög­lin­ge der An­stalt er­hal­ten zudem grup­pen­wei­se Ein­la­dun­gen ins Kin­der­pa­ra­dies und Frei­kar­ten, um sich alles an­zu­se­hen.
Wie für viele Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer ist die Landi 39 für die Zög­lin­ge der An­stalt ein un­ver­gess­li­ches Er­leb­nis. Die Schwei­ze­ri­sche Lan­des­ausstel­lung von 1939 in Zü­rich gilt als wir­kungs­volls­ter Aus­druck der geis­ti­gen Lan­des­ver­tei­di­gung. Die geis­ti­ge Lan­des­ver­tei­di­gung wird ins­be­son­de­re ab 1932 bis in die 1960er Jahre von Ge­lehr­ten, der Pres­se oder von Kul­tur­schaf­fen­den mit­ge­tra­gen. Sie rich­tet sich vor­erst gegen den Fa­schis­mus. Wäh­rend des Kal­ten Kriegs rückt der Kom­mu­nis­mus in den Fokus. Ab 1938 er­hält die geis­ti­ge Lan­des­ver­tei­di­gung of­fi­zi­ell die Un­ter­stüt­zung des Bun­des­rats.
Kurz vor Ende der Landi mar­schiert Hit­ler in Polen ein und der Zwei­te Welt­krieg be­ginnt. Am 1. Sep­tem­ber 1939 ord­net der Bun­des­rat die All­ge­mei­ne Mo­bil­ma­chung an. Alle drei Haupt­leh­rer müs­sen ein­rü­cken. Zwar geht der Un­ter­richt in der An­stalt ohne Ab­stri­che wei­ter. Doch es be­ginnt die Zeit des Im­pro­vi­sie­rens. Denn auch 1940 sind nicht alle Leh­rer an­we­send. Fast jede Woche müs­sen die Ar­bei­ten neu ver­teilt und die Stun­den­plä­ne neu er­stellt wer­den. Auch in den nach­fol­gen­den Kriegs­jah­ren zwingt die mi­li­tä­risch be­ding­te Ab­we­sen­heit von Leh­rern die Taub­stum­me­n­an­stalt zu Um­stel­lun­gen.
Alltag im Ausnahmezustand
Der Krieg geht nicht spur­los am An­stalts­le­ben vor­bei. Als die deut­sche Wehr­macht Hol­land und Bel­gi­en an­greift, neh­men die El­tern etwa ein Dut­zend Zög­lin­ge nach Hause, bis sich die Lage wie­der etwas be­ru­higt hat. Auch die An­stalts­lei­tung sorgt für das Schlimms­te vor. Doch die be­reit­ge­stell­ten Ruck­sä­cke für die Eva­kua­ti­on wer­den nicht be­nö­tigt und ver­schwin­den wie­der in den Schrän­ken.
Die Le­bens­mit­tel­ver­knap­pung trifft die Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt nur teil­wei­se. Man merkt, dass Di­rek­tor Hepp ein ge­bür­ti­ger Bau­ern­sohn ist. Bei ihm kommt so­weit mög­lich nur das auf den Tisch, was der Hei­mat­bo­den bie­tet. Seit dem Ers­ten Welt­krieg hat die Schu­le be­reits auf fleisch­ar­me Kost um­ge­stellt. Mehr Mühe macht der An­stalt die Ver­knap­pung der Brenn­stof­fe. Um Brenn­stoff zu spa­ren, ste­hen zum Bei­spiel die Turn­hal­le, der Spei­se­saal und meh­re­re Un­ter­richts­räu­me leer. Der Un­ter­richt fin­det in den ge­wärm­ten Wohn­zim­mern statt, ge­ges­sen wird in der ge­räu­mi­gen Vor­kü­che und der Küche.
Schliess­lich trägt auch die Ge­hör­lo­sen­schu­le ihren An­teil an die An­bau­schlacht und die Kriegs­wirt­schaft bei. An­fang Ja­nu­ar 1941 muss die An­stalt 30 Ster Hart­holz und 10 Ster Tan­nen­holz fäl­len. Was den Ei­gen­be­da­rf über­steigt, muss die An­stalt der Stadt Zü­rich zur Ver­fü­gung stel­len. Hepp und ein paar äl­te­re Kna­ben füh­ren die Holz­a­r­bei­ten durch. 10 Ster sind für den Ei­gen­ver­brauch be­stimmt, 30 Ster ste­hen – im Gar­ten auf­ge­sta­pelt – für die Kriegs­wirt­schaft be­reit. Im glei­chen Jahr wer­den vier­ein­halb Aren Rasen für den Kar­tof­fel­bau ge­nutzt.
Verfolgung und Zuflucht
Die An­stalts­lei­tung sieht sich auch mit jü­di­schen Flücht­lin­gen kon­fron­tiert. Der Jah­res­be­richt von 1943 er­wähnt drei jü­di­sche Mäd­chen aus Kroa­ti­en, Bel­gi­en und Deut­sch­land, die der An­stalt zu­ge­teilt wer­den. Zwei Mäd­chen über­gibt die An­stalts­lei­tung dem Lan­den­hof und der Taub­stum­me­n­an­stalt Wa­bern, weil eines der Mäd­chen schwer­hö­rig und das an­de­re geis­tig be­hin­dert ist. Das drit­te Mäd­chen aus Deut­sch­land bleibt in Zü­rich. Auch Di­rek­tor Wal­ter Kunz er­wähnt ein 12-jäh­ri­ges Mäd­chen aus Deut­sch­land, dass die An­stalt auf­nimmt. Ob das jü­di­sche Mäd­chen aus den Er­in­ne­run­gen von Kunz mit dem Mäd­chen aus dem Jah­res­be­richt iden­tisch ist, lässt sich nicht ein­deu­tig nach­voll­zie­hen.
Das jü­di­sche Mäd­chen aus Kunz Er­in­ne­rung hat beim Ein­tritt in die An­stalt einen er­heb­li­chen Wis­sens­rück­stand, weil es in Deut­sch­land nicht mehr in die Schu­le durf­te. Die­ser Rück­stand lässt sich kaum mehr auf­ho­len. Die einst wohl­ha­ben­den El­tern flüch­ten unter schwie­ri­gen Um­stän­den in die Schweiz. In der Schweiz lebt die Fa­mi­lie in bit­te­rer Armut und wird von einem jü­di­schen Hilfs­ko­mi­tee un­ter­stützt. Da die El­tern nach Is­ra­el aus­wan­dern wol­len, lernt das jü­di­sche ge­hör­lo­se Mäd­chen unter gros­sen An­stren­gun­gen mit einem Rab­bi­ner he­brä­isch.
Die Schil­de­rung der jü­di­schen Fa­mi­lie ist kein un­üb­li­ches Schick­sal. Die Ent­eig­nungs­pra­xis des na­ti­o­nal­so­zi­a­lis­ti­schen Re­gi­mes macht es für Juden prak­tisch un­mög­lich, ihr Ka­pi­tal ins Aus­land zu über­wei­sen. Die Schwei­zer Flücht­lings­po­li­tik drängt auf eine schnel­le Wei­ter­rei­se. Zudem ist die Flücht­lings­hil­fe auf die Wohl­tä­tig­keit der Ge­sell­schaft an­ge­wie­sen. Be­reits 1933 rich­tet der Schwei­ze­ri­sche Is­ra­e­li­ti­sche Ge­mein­de­bund ein Ko­mi­tee für jü­di­sche Flücht­lin­ge ein. Ab 1934 über­nimmt der Ver­band Schwei­ze­ri­scher Is­ra­e­li­ti­scher Ar­men­pfle­gen die ge­sam­te Or­ga­ni­sa­ti­on der Flücht­lings­hil­fe. Die Juden in der Schweiz tra­gen ge­mäss einem Be­richt der «Un­ab­hän­gi­gen Ex­per­ten­kom­mis­si­on Schweiz – Zwei­ter Welt­krieg» von 1933 bis 1945 9’320’000 Fran­ken zur Be­treu­ung der Emi­gran­ten und Flücht­lin­ge bei. Es ist für eine re­li­gi­öse Ge­mein­schaft von rund 19 000 Per­so­nen ein ge­wal­ti­ger Auf­wand.

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