Mimi Scheiblauer
Mimi Scheiblauer (1891 – 1968)
Die Blinden- und Taubstummenanstalt macht Theater! 1943 führen die Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis zur Oberklaren das Märchen «Zwerg Nase» auf. Die Gehörlosenzeitung berichtet gross. Wer den Text schreibt, lässt sich nicht restlos entschlüsseln, Sch. M.– nur die Initialen unter dem Text sind bekannt, vermutlich handelt es sich um die Fürsorgerin Schwester Martha Muggli – ist jedenfalls hellauf begeistert: Von den harmonischen Bewegungen, den hübschen Gewändern und den Freudentränen bei manch hörenden Freunden.
Märchen und Krippenspiele – diese Aufführungen haben in der Taubstummenanstalt eine lange Tradition. Das Krippenspiel schafft es sogar ins Fernsehen – zuerst gegen den Willen von Direktor Walther Kunz. Anfragen von der Schweizer Filmwochenschau lehnt er entschieden ab. Das Krippenspiel als Vorspann zu Cowboy- oder Liebesfilmen – diese Kombination passt für ihn nicht zusammen. Im Geist der Weihnachten soll das Krippenspiel den Menschen Freude machen. Und so willigt Kunz 1954 dann doch ein, als das Fernsehen das Krippenspiel für eine Weihnachtssendung aufnimmt. Nur wenige Gehörlose dürften die Sendung jedoch gesehen haben. Einerseits ist ein Fernseher in den 1950er sehr selten, auch Direktor Kunz hat keinen Fernseher. Andererseits setzen die «Fernsehleute» erst drei Tage vor der Ausstrahlung den Sendetermin definitiv fest. Es ist zu spät, um eine Anzeige in der Gehörlosenzeitung aufzugeben – und vielleicht ein grösseres Publikum zu gewinnen.
Hinter dieser jahrelangen und vielbeachteten Tradition steckt die Rhythmiklehrerin Mimi Scheiblauer. Sie wird am 7. Mai 1891 als Elisabeth Scheiblauer als einziges Kind von Wiener Eltern geboren. Doch bereits seit frühester Kindheit wird sie nur Mimi gerufen. Mimi Scheiblauerin lässt sich am Konservatorium als Pianistin ausbilden. Doch als sie 1908 den Rhyhtmik-Sommerkurs von Émile Jacques-Dalcroze besucht, fühlt sie sich vom revolutionären Musikpädagogen sofort angesprochen Sie setzt ihre Ausbildung bei Jacques-Dalcroze in Rhythmischer Musikpädagogik fort. 1912 beruft sie Friedrich Hegar erst 21-jährig als Konservatorium in Zürich. Seit 1922 arbeitet sie verstärkt mit behinderten Kindern. Durch diese Arbeit verbindet sie den pädagogischen Anspruch der Rhythmik zunehmend mit heilpädagogischen Themen. Heinrich Hanselmann, der erste Leiter des Heilpädagogischen Seminars (HPS, heute Interkantonale Hochschule für Heilpdägogik [HfH]), erkennt das Potenzial von Scheiblauers Arbeit für die Heilpädagogik. Seit der Gründung des HPS unterrichtet Mimi Scheiblauer am Heilpädagogischen Seminar.
Dass Wirken von Mimi Scheiblauer hinterlässt in der Schweiz und im Ausland grosse Spuren. Insbesondere unterrichtet sie am Konservatorium Zürich in ihrem Rhythmik-Seminar Generationen von Schülerinnen und Schülern aus dem In- und Ausland Die Ausbildung von neuen Rhythmik-Lehrer*innen liegt Mimi Scheiblauer besonders am Herzen. 1964 gründet sie den Schweizerischen Berufsverband musikalisch-rhythmischer Erzieher. Sie baut ihre Lehre des Rhythmik-Unterrichts laufend aus und verfeinert sie. Über ihr Leben erscheinen mehrere Filme, von denen «Ursula oder das unwerte Leben» (1966) von Reni Mernes und Walter Marti der bekannteste ist. Für ihre Verdienste erhält sie von der Stadt Zürich die Hans-Georg-Nägeli-Medaille und den Ehrendoktortitel der Universität Zürich.
Seit 1926 unterrichtet Mimi Scheiblauer Rhythmik in der Taubstummenanstalt. Es erscheint paradox, dass eine auf Musik und Bewegung basierende Unterrichtsform im Taubstummenunterricht einzuführen. Doch im Jahresbericht schreibt Walther Kunz: «Die Rhythmik ist den gehörlosen Kindern zu einer Freudenquelle geworden. Sie wirkt befreiend und löst Kräfte, die der Erziehung und geistig-seelischen Entwicklung unserer gehemmten Kindern nur dienlich sind. (…) Wir müssen dem Taubstummen an Stelle der zurückgedrängten Gebärdensprache, die seine «Muttersprache» ist, die natürliche Ausdrucksgebärde belassen. Sie ermöglicht ihm, Stimmungen, Gefühle und innere Anschauungsbilder frei zu gestalten, frei, d. h. ohne sprachliche Bindung. Diese Ausdrucksgebärde hat künstlerische Gestaltungskraft und ist von grösster Einfachheit und Geschlossenheit. Sie entspricht dem innersten Wesen des Taubstummen und erhebt und befreit ihn, und das wird von allen verstanden und geht allen zu Herzen.»
Mimi Scheiblauer stellt die Argumentation auf den Kopf. Denn indirekt ist der Einsatz der Gebärden eine Kritik am Lautsprachenprimat. Sie verzichtet bewusst auf das Auswendiglernen und Aufsagen von Texten. Die Lautsprache behindert den gehörlosen Menschen. Darunter leiden der Ausdruck, Gestik und sogar die Gebärdensprache, die natürliche Sprache der Gehörlosen. Vielmehr setzt Mimi Scheiblauer auf eine jahrelang eingeübte Technik, die die Kinder bereits im Kindergarten im Rhythmikunterricht lernen. Dazu kommt mit der Weihnachtsgeschichte eine eingängige Erzählung. Die gehörlosen Schülerinnen und Schüler kenne diese Geschichte aus den jährlich aufgeführten Krippenspielen. Und nicht zuletzt wirkt der Anreiz, dass jedes Kind an der Aufführung einmal dabei sein kann.
Je näher die Oberklasse kommt, desto intensiver beschäftigen sich die gehörlosen Kinder mit dem Krippenspiel. Sie wählen ihre Rollen aus und beschäftigen sich mit der Darstellung. Es sind die Zutaten, die die Improvisation oder das Stegreif-Spiel als bevorzugte Form von Mimi Scheiblauer für das Einüben des Krippenspiels erst ermöglicht. Mit dieser Überlegung rückt Mimi Scheiblauer das Krippenspiel in die künstlerische Form des Mimenchors des Gehörlosenpfarramts. Die gebärdende Form des Krippenspiels ist also kein Überdruckventil der lautsprachlichen Erziehung, sondern vielmehr der künstlerische Ausdruck einer visuell orientierten Minderheit.