Georg Schibel (1807–1892)
1807–1826
Schibel wird am 4. April 1807 in Böblingen (Baden-Württemberg) geboren. Er ist der Sohn einer einfachen Bürgerfamilie. Bereits früh möchte er Lehrer werden. Im Lehrerseminar in Esslingen am Neckar lässt er sich 1823 zum Lehrer ausbilden. Es folgen Wanderjahre mit Anstellungen als Hilfslehrer in Herrenalb und Altorf.
In Altorf macht er 1826 die schicksalhafte Begegnung mit einem taubstummen Mädchen. Es ist die Schwester einer seiner Schülerinnen, die ebenfalls gerne Unterricht genommen hätte. Schibel entschliesst sich, das Mädchen zu unterrichten. Er lernt in der Familie des taubstummen Mädchens die Umgangsformen, insbesondere die Gebärden. Im Unterricht wendet er zwar die Gebärden an, wechselt jedoch umgehend auf die Schrift -und Lautsprache. Diese Methode betrachtet er als seine eigene Erfindung. Er wird diese Methode als Vorsteher in Zürich vollenden.
1829–1832
Schibel lässt sich nun in die Nähe einer Taubstummenanstalt versetzen. Er kommt 1829 nach Esslingen am Neckar, wo das dortige Schullehrer-Seminar mit einer Taubstummenanstalt verbunden ist. Ein Jahr später wird eine Stelle frei, auf die sich Schibel bewirbt. Er soll nun mit zwei anderen Kandidaten eine Aufnahmeprüfung in Gmünd und dort anschliessend eine Ausbildung machen. Schibel hat kaum theoretische Vorkenntnisse.
Doch seine praktischen Kenntnisse helfen ihm durch die Prüfung. In einem vierwöchigen Kurs wird er praktisch und theoretisch auf den Taubstummenunterricht ausgebildet. Nach der Ausbildung in Gmünd unterrichtet Schibel zweieinhalb Jahre an der Taubstummenanstalt in Esslingen am Neckar.
Etwa zur gleichen Zeit tritt in Zürich Ignaz Thomas Scherr als Leiter der Blinden -und Taubstummenanstalt zurück. Vor seinem Wechsel bittet Scherr um Urlaub. Er will eine Bildungsreise nach Deutschland machen und sich nach einem Nachfolger umsehen. In Esslingen am Neckar trifft er auf Schibel. Scherr ermuntert Schibel, sich für die vakante Stelle in Zürich zu bewerben. Was Schibel nicht weiss: Er tritt gegen den Pforzheimer Taubstummenlehrer Wilhelm Daniel Arnold an. Obwohl Arnold Favorit ist, erhält Schibel die Stelle.
Berufung nach Zürich
Es gibt unterschiedliche Versionen, weshalb Schibel trotzdem das Rennen macht. So wollten angeblich die Pforzheimer Arnold nicht freigeben. Eine andere These meint, dass sich Arnold in Zürich unmöglich macht. So habe er bei einem Spaziergang mit einem Blinden das Gessnerdenkmal mit dem Gesslerdenkmal verwechselt. Ein einziger Buchstabe hätte Arnold also die Stelle gekostet.
Am 10. August 1832 wandert Schibel in die Schweiz aus, die bald zu seiner zweiten Heimat wird. Die Einführung von Schibel findet am 4. September 1832 statt. Der Anfang ist für Schibel holprig. Ein Visitationsbericht vom 1. November bezeichnet Schibel als öfters streng, zu lebhaft und heftig. Dadurch schüchtere er insbesondere jüngere und schwächere Schüler ein. Doch diese Anfangsschwierigkeiten legen sich bald. Schibel wird die Zürcher Taubstummenanstalt über 60 Jahre prägen. Für seine Verdienste um das Taubstummenwesen und die Mitwirkung in der Zürcher Schulpflege erhält Schibel das Schweizer Bürgerrecht.
Schibel ist ein ausgesprochener Praktiker. Der individuelle Unterricht, Anschauungsunterricht, Sprachunterricht und Lautierunterricht bringt er zu einer wahren Meisterschaft. Gebärden lehnt Schibel entschieden ab und lässt höchstens erklärende Gebärden zu. Im Gegensatz zu Arnold, der ähnlich unterrichtet, sind jedoch sehr wenige didaktische Schriften von Schibel erhalten.
Für «Schriftgelehrte», die äusserst detaillierte und oft auf die Stunde genaue Lehrpläne aufstellen, hat er nur ein müdes Lächeln übrig. Und trotzdem hat Schibel als Ausbildner von Taubstummenlehrer oder als Organisator und Mitwirkender an Taubstummenkongressen in der Schweiz und Deutschland einen grossen Einfluss.
1892–1900
1892 tritt Schibel aus der Anstalt zurück und bezieht eine geräumige Wohnung in Zürich. Schibel bleibt jedoch weiterhin eng mit «seiner» Anstalt verbunden. So lädt er ab 1892 sämtliche Lehrpersonen und die Zöglinge zu einem Ausflug ein oder besucht die Anstalt regelmässig. Besonders interessiert ihn 1894/1895 die bauliche Erweiterung der Anstalt. Diese Notwendigkeit sieht Schibel bereits als Vorsteher 1863 voraus.
Die letzten Jahre
Nach seinem Rücktritt hat Schibel mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. So erleidet er mehrere kleinere Schlaganfälle. Diese bleiben ausser einer vorübergehenden Sprachstörung ohne Folgen. Doch am 22. April 1900 erleidet er einen erneuten Schlaganfall. Diesmal verliert Schibel das Bewusstsein und ist vorübergehend linksseitig gelähmt. Von da an nehmen seine Kräfte allmählich ab, und Schibel stirbt am 6. Mai. Seine Beerdigung fand am 9. Mai 1900 statt. Begraben liegt Schibel in Zürich auf dem Zentralfriedhof (heute Friedhof Sihlfeld).