Die Heimmutter
Ignaz Thomas Scherr, Georg Schibel, Gotthilf Kull, Johannes Hepp, Walter Kunz, Gottfried Ringli, Jan Keller, Daniel Artmann: Dies sind seit 1826 die Namen der acht Vorsteher des heutigen «Zentrums für Gehör und Sprache» seit 1826. Was auffällt: Keine einzige Frau hatte jemals das Amt des Direktors inne. So ist es der Mann, der die Anstalt leitet und die Institution nach aussen vertritt.
Die Hausmutter
Auch wenn es nicht so aussieht: Die Ehefrau steht keineswegs im Schatten des Mannes. Dies kommt in früherer Generation allein schon bei der Bezeichnung «Hausmutter» zum Ausdruck. Ihr Pflichtenheft ist ebenso umfassend wie dasjenige ihres Mannes. Oft erteilt sie den taubstummen Mädchen den Haushaltungsunterricht und schaut in der Hauswirtschaft zum Rechten. Neben dem privaten Haushalt führt sie gleichzeitig den grossen Haushalt einer Anstalt. Und auch wenn der Vorsteher einen offiziellen (männlichen) Stellvertreter hat: Fällt der Vorsteher aus, ist die Hausmutter doch die faktisch stellvertretende Person.
Dass die Hausmutter im Haushaltsleben eine Schlüsselrolle spielte, war unter Fachleuten und auch im Regierungsrat unbestritten. Die Kandidaten für diese Posten mussten nicht nur fachlich und persönlich überzeugen, sondern auch ihre Ehefrauen. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass der Regierungsrat die Ehefrau oft explizit zur Hausmutter wählt.
S’Müeti Hepp
Im Regierungsbeschluss, in dem der Regierungsrat Johannes Hepp zum Direktor der Anstalt ernennt, stuft der Regierung seine Gattin Marie Hepp als tüchtige und umsichtige Wirtschafterin ein. «Da sie einem grossen Hauswesen vorzustehen hat – in der Familie befinden sich neben den Kindern einige jugendliche Pensionäre –, wird sie unschwer sich in die neue Aufgabe finden können.
Frau Hepp besitzt ein sonniges Gemüt, sodass sie in hohem Grade geeignet erscheint, den von der Natur so schlecht bedachten Zöglingen der Anstalt eine liebevolle Mutter zu sein.» Und Marie Hepp liess Taten walten: Die Fähigkeiten des Ehepaars ergänzen sich hervorragend. Ist Hepp der Denker, Planer und Unternehmer, so wird Marie Hepp zur Seele des Hauses. «S’Müeti Hepp» packte in Waschküche, im Glätteraum und Krankenzimmer und in den Schlafzimmern an.
Die Wahl des neuen Direktors
Bei der Wahl von Walter Kunz als Direktor der Taubstummenanstalt werden die fehlenden Qualitäten der Ehegattin gewissermassen zum Jobkiller. Um Hepps Nachfolge bewerben sich Erwin Sturzenegger, Walter Kunz und Hans Rudolf Walther. Mit Kunz und Walther stellen sich zwei langjährige Taubstummenlehrer aus der Anstalt zur Wahl. Walther wird 1954 erster Leiter der Berufsschule für Hörgeschädigte.
Bei der Wahl kommt es zum Duell zwischen Walther und Kunz. Sturzenegger gilt als zu jung für den Posten. Schlussendlich macht Kunz das Rennen. Der damals 30-jährige Walther punktet zwar gegen den 46-jährigen Kunz mit dem deutlich grösseren fachlichen Leistungsnachweis. Walthers grösste Nachteile: Seine geringere Lebenserfahrung – und seine erst 23jährige Gattin. Die Regierung traut Walthers Frau nicht zu, die Schlüsselrolle als Hausmutter auszufüllen.