Johannes Hepp (1879–1963)
1879–1918
Johannes Hepp wird am 14. Mai 1879 im schaffhausischen Gächlingen (SH) in ärmlichen Verhältnissen als Sohn von Schuldenbauern geboren. Seine Herkunft prägt ihn. Hepp ist ein stiller und harter Arbeiter, auch hart gegenüber sich selbst. Auch nach vielen Erfolgen im Gehörlosenwesen ist er sich nicht sicher, in der Geschichte der Gehörlosenbildung einigermassen zu bestehen.
Hepp hat zahlreiche bleibende Institutionen gegründet und angestossen. Fast wäre es jedoch nicht dazu gekommen. Ein Nachbar kennt seinen geheimen Wunsch, Lehrer zu werden. Er vermacht Hepp 500 Franken. Trotzdem muss Hepp gegenüber seinen Mitstudenten am Lehrerseminar zurückstecken und sparen. So wandert er von Zürich nach Hause, um sich das Fahrgeld zu sparen. Oder er verdient in den Schulferien Geld mit Feld- und Rebenarbeiten. Die Reben werden ihn auch als Direktor der Taubstummenanstalt begleiten. Am Rebenspalier der Taubstummenanstalt legt er gerne selbst Hand an.
Nach der Lehrerausbildung arbeitet Hepp als Junglehrer in St. Gallen am Bachtel. Aus finanziellen Gründen wechselt er nach Zürich und übernimmt dort eine schwierige Knabenklasse. Gleichzeitig liest er am Pestalozzianum mehrmals pro Woche pädagogische Schriften. Er hofft so, Anregungen im Umgang mit seiner schwierigen Klasse zu erhalten.
Pädagogische Entwicklung und erste Erfolge
Tatsächlich kann Hepp eine Idee aus seinen «Studien» erfolgreich umsetzen. An der Schulsynode hält Hepp einen Vortrag über seine Erfahrungen mit der Selbstregulierung der Klasse. Sein Vortrag wird auch als Buch gedruckt. Um die Schüler auch in der Freizeit sinnvoll zu beschäftigen, richtet er Schülergärten ein. Obwohl Hepp immer wieder mit der Heilpädagogik in Berührung kommt, verspürt er für die Heilpädagogik jedoch kaum grosses Interesse.
Es ist deshalb erstaunlich, dass Hepp 1918 Direktor der Blinden- und Taubstummenanstalt wird. Alle rechnen mit Kulls Stellvertreter, Christian Esenwein. Seit 1907 ist Esenwein Lehrer an der Taubstummenanstalt in Zürich und ein Mann mit viel Lebenserfahrung. Der gebürtige Deutsche unterrichtete unter anderem an den Taubstummenanstalten in Gmünd, Frankfurt, und an einer Taubstummenanstalt in Südrussland. Als 1904 Russland den japanisch-russischen Krieg verliert, beschliesst Esenwein, nach Westeuropa zurückzukehren und in Zürich zu unterrichten.
1903–1934
Doch kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs hat der deutsche Esenwein schlechte Karten. Tatsächlich stehen auf der «Shortlist» des Regierungsrats nur Schweizer Namen. Und dort zieht Hepp vorerst gegen Taubstummenpfarrer Benjamin Menet den Kürzeren. Seine Publikationen und Studien an der Hochschule machen zwar Eindruck. Ihm wird jedoch seine geringe Erfahrung im Taubstummenwesen und sein verschlossenes und eher wenig fröhliches Wesen zum Verhängnis. Menet kann jedoch wegen nervöser Übermüdung die Stelle nicht antreten. So erhält Hepp die Direktorenstelle doch noch.
Auch als Direktor ist Hepp kein grosser Heilpädagoge. Er versteht es jedoch, die richtigen Mitarbeitenden auszuwählen und ihnen grossen Gestaltungsspielraum zu lassen. Dies ist in erster Linie seine Frau Maria, mit der er seit 1903 verheiratet ist. Mit ihrer fröhlichen Art wird sie die gute Seele der Anstalt und ein Kontrast zur ernsten Art ihres Mannes. Unbeschreiblich gross ist der Jubel bei den Zöglingen, wenn «s’Müeti Hepp» mit auf die Schulreise kommt.
Und vor allem weiss er den Experten Esenwein einzubeziehen. Durch seine Erfahrung und seine Ausbildung ist Esenwein die perfekte Ergänzung zu Hepp. Er ist mit Herzblut Gehörlosenlehrer und Pädagoge. Zu ihm gehen selbst die Lehrpersonen, wenn sie sich im Unterricht nicht mehr zu helfen wissen.
Vom Zweifel zur Reformidee
Hepp sieht es kritisch, dass sich die Gehörlosenschulen um alles selbst kümmern. Die Taubstummenanstalten bilden Lehrer aus. Die Taubstummenanstalten unterrichten intelligente und geistig schwache Kinder in einer Klasse. Schwerhörige sind in der gleichen Klasse wie Gehörlose. Statt die Anstalten mit allen möglichen Schülern zu füllen, fordert Hepp eine Arbeitsteilung unter den Taubstummenanstalten.
1934 fasst er seine Forderungen in einem Vortrag zusammen, der gedruckt erscheint. Es ist gewissermassen sein Schlüsselwerk. Darin schildert Hepp eine Arbeitsteilung zwischen den Taubstummenanstalten Landenhof und Zürich. Die eine Anstalt sollte z. B. die Schwerhörigen übernehmen, während die andere Anstalt die gehörlosen Schüler unterrichtet.
1941–1963
1941 wird Hepps Vorschlag auf bittere Weise Realität: Die Taubstummenanstalt Aarau steht vor dem Aus. Nur eine Umwandlung in eine Schwerhörigenschule sichert die Existenz des Landenhofs. Hepp ist an einer Lösung beteiligt, die den gegenseitigen Austausch von Aargauer Gehörlosen und Zürcher Schwerhörigen zwischen den beiden Anstalten vorsieht.
Nach der Pensionierung wird Hepp kein bisschen altersmüde. Als wäre sein Wirken als Vorsteher nicht genug, treibt er die Weiterbildung für schulentlassene gehörlose Schüler:innen voran. Anstelle der Lehrwerkstätten, die er bereits 1934 in Oerlikon mitgegründet hat, treibt er eine Gewerbeschule für Gehörlose voran. Diese mündet 1954 in die Gründung der Interkantonalen Berufsschule für Schwerhörige (BsfH). Doch auch an der Gründung der Oberstufenschule für Gehörlose (heute sek3) ist Hepp massgeblich beteiligt.
Hepp ist es noch vergönnt, Reisen zu seinem ältesten Sohn in Afrika zu machen. Am 12. August 1963 stirbt er an einer kurzen, schmerzhaften Krankheit.