Christian Esenwein (1864–1941)
Gehörlose Kinder zu unterrichten – Das ist Christian Esenweins Leben. In seiner Ausbildungszeit arbeitet er 56 Jahre als Gehörlosenlehrer. Allein in der damaligen Blinden- und Tabustummenanstalt unterrichtet er 37 Jahre gehörlose Kinder.
1878–1886
Esenweins Karriere als Gehörlosenlehrer beginnt in Esslingen. 1878 will er sich am Seminar Esslingen zum Lehrer ausbilden lassen. Das Leben im Seminar lässt kein «ausschweifendes Studentenleben» zu. Tanz, Rauchen, Wirtshausbesuche: Dies alles ist streng verboten. Doch rückblickend verlebt Esenwein im Seminar eine schöne Zeit, lernt fleissig und findet liebe Freunde.
Zum Seminar in Esslingen gehört damals eine kleine Taubstummenschule. Dort müssen die älteren Seminaristen einige Zeit unterrichten. Auch Esenwein arbeitet für zwei Monate an der Taubstummenschule mit. Weil die Gehörlosen auf dem Pausenplatz gebärden, empfindet er sie als komisch. Erst als er die Kinder im Unterricht sieht, ändert er seine Meinung. Er ist erstaunt, wie gut sie ablesen, sprechen und vor allem rechnen.
Der Weg in die Gehörlosenbildung
Sein Hauptlehrer an der Taubstummenschule, Hermann Griesinger, inspiriert Esenwein, ebenfalls Taubstummenlehrer zu werden. Griesinger verschafft Esenwein einen Platz an der Taubstummenanstalt Gmünd. Doch dort fällt Esenwein das Unterrichten schwer, auch weil er fünf schwachbegabte Gehörlose zugeteilt erhält. Umso mehr schätzt Esenwein die Unterstützung eines alten, erfahrenen Kollegen. Trotzdem ist Esenwein froh, als er wieder zurück ins Lehrerseminar Esslingen wechseln darf.
Dennoch lässt die Gehörlosenbildung Esenwein nicht los. Hermann Griesinger, der Lehrer an der Taubstummenschule in Esslingen, empfiehlt Esenwein bei Johannes Vatter an der Taubstummenschule in Frankfurt am Main. Johannes Vatter (1841–1916) und seine Taubstummenschule geniessen in Deutschland und auch in der Schweiz einen hervorragenden Ruf. Hier lernt Esenwein den lautsprachlichen Unterricht von Grund auf.
Jeden Tag zeigt Vatter den «Junglehrern», wie man es am besten macht. Vatter möchte, dass die Kinder peinlich genau lautieren; laut und deutlich und in ganzen Sätzen. Den ganzen Tag müssen die Kinder sprechen, mit den Angestellten, auf dem Spielplatz, bei den Mahlzeiten. Stimmlos reden oder gebärden wird hart bestraft.
1887–1904
Nach zweieinhalb Jahren Lehrzeit bei Johannes Vatter fühlt sich Esenwein bereit, eine eigene Klasse zu übernehmen. 1887 erhält Vatter eine ungewöhnliche Bitte aus der deutschen Kolonie Tiege in Südrussland. Die Kolonisten haben dort eine Taubstummenschule gegründet. Nun suchen die Kolonisten für ihre Taubstummenschule einen Lehrer.
Den 23-jährigen Esenwein reizt die Stelle. Mit Bahn, Schiff und zuletzt mit der Kutsche geht es ins Kolonistendorf Blumenau, wo die Tabstummenschule steht. In der Erinnerung von Esenwein wäre sogar die Überfahrt nach Amerika kürzer gewesen. Doch Esenwein hat Zeit. Er hat genug Reisegeld erhalten und schaut sich unterwegs alles an. In Lemberg besucht er etwa die jüdische Taubstummenanstalt, wo die Kinder gleichzeitig deutsch, polnisch und jüdisch lernen.
Die Taubstummenschule in Blumenau ist in einem alten Bauernhaus untergebracht. Der Vorsteher ist ein Armenier namens Harzun, auf Deutsch Herr Himmelfahrt. Die Erstklässler sind meist schon über 15, einzelne sogar über 20 Jahre alt. Bei so «alten» Schülern lohnt sich der Unterricht nicht. Sie verlassen die Schule nach einigen Jahren wieder. Esenwein nimmt nur noch sieben- und achtjährige Zöglinge auf. Die Schüler kommen aus den vielen deutschen Kolonien in Südrussland, im Kaukasus und Turkestan. Nach achtjähriger Schulzeit arbeiten die Buben als Bauern, Schneider, Wagner oder Sattler, die Mädchen als Mägde oder Schneiderinnen.
Beim Stundenplan gibt es keine Vorgaben. Sie muss nur den frommen Sinn der Eltern berücksichtigen. Biblische Geschichte ist das wichtigste Unterrichtsfach. Vorsteher Himmelfahrt verlässt die Schule 1891. Seine Nachfolge übernehmen Kolonistensöhne, die bei Johannes Vatter in Frankfurt eine Ausbildung machen.
Esenwein schätzt das friedliche Leben in Südrussland. Doch 1904 verliert Russland den japanisch-russischen Krieg. Es kommt zu Unruhen und einem 14-tägigen Generalstreik. Die Landarbeiter zerschlagen alles auf den Herrenhöfen. Der Anstaltsarzt der Taubstummenschule verliert bei den Unruhen sein Leben. Für Esenwein wird es im Kolonistendorf Blumenau als Ausländer ungemütlich, zumal er Frau und vier Kinder hat.
Die Eintopfgericht-Methode
Esenwein kehrt nach Westeuropa zurück und wird 1907 Lehrer an der Blinden- und Taubstummenanstalt. Er ist kein Freund starrer Methoden. Dennoch kann er die Klasse derart an den Stoff fesseln, dass auch die schwächsten Schüler mitkommen. Einer seiner Schüler, Kurt Exer, nennt Esenweins Methode «Eintopfgericht». Sie fasst Anschauung-, Sprach- und Geographieunterricht, Geschichte und Gedankenschulung in einem Fach zusammen.
Trotz der Vielseitigkeit kommt die Klasse besser voran, da den Schülern das Wissen auf natürliche Weise beigebracht wird. Esenwein besitzt auch das Vertrauen der Schüler. Er hat Verständnis für die Fehler junger Mitmenschen und hilft ihnen, sie zu überwinden. Wenn jemand etwas Dummes angestellt hat, wird es Esenwein gebeichtet.
Mit 70 Jahren wird Esenwein pensioniert. Gehörlose unterrichten bleibt für Esenwein weiterhin ein Herzensanliegen. Auch nach seiner Pensionierung widmet er sich deshalb Kindern, die besonders Schwierigkeiten mit dem Spracherwerb haben. Zudem gibt er sein Wissen an die Lehrpersonen weiter. Doch auch für seine ehemaligen Schüler ist er da; viele ehemalige Schüler besuchen Esenwein zu Hause. Zudem unterstützt er seine ehemaligen Schüler, organisiert ihnen Lehr- und Arbeitsplätze, dolmetscht vor dem Zivilstandsamt oder ist sogar Fürsprecher vor dem Richter.