LBG-Projekt und Gebärdensprachforschung
LBG-Projekt
In der Kantonalen Gehörlosenschule Zürich, lange Zeit Hochburg des Oralismus, spielt sich Ungeheuerliches ab. 1979 reicht die Kindergärtnerin Helga Bauer einen Antrag ein, dass Lehrkräfte im Unterricht Gebärdensprache verwenden dürfen. Dieser Antrag ist gewissermassen der Startschuss zum LBG-Projekt. Von 1979-1982 befassen sich mehrere Hauskonvente mit alternativen Sprachsystemen. Am Herbst- und Winterkonvent 1982 fällt der endgültige Entscheid: Die bisherige Spracharbeit soll durch ein die Lautsprache begleitendes Gebärdensystem ergänzt werden.
Die erste Herausforderung: Soll die Schule auf «reine» Gebärdensprache setzen oder auf lautsprachliche Gebärden (LBG)? LBG macht lediglich die Strukturen der Lautsprache sichtbar und visualisiert den Inhalt eines lautsprachlichen Satzes. Die Gebärdensprache weicht bezüglich Syntax und Grammatik deutlich von der Lautsprache ab. SGB und Penny Boyes-Braem, Leiterin des Forschungszentrums für Gebärdensprache, drängen vehement auf die Gebärdensprache. Ringli setzt hingegen aus pragmatischen Gründen konsequent auf LBG. Projektleiter Peter Kaufmann erklärt 1994 in einem Interview diesen Pragmatismus folgendermassen: Die Hörenden beherrschen die Gebärdensprache nicht gut genug, um darin zu unterrichten. Ein bilingualer Unterricht muss partnerschaftlich auf Gehörlose und Hörende verteilt sein. Die Hörenden müssen – auch mit Hilfe von LBG – die Sprache und Kultur der Hörenden vermitteln. Die Gehörlosen hingegen sollen die Gebärdensprache und das Wissen und die Kultur der Gehörlosen in den Unterricht einbringen.
Auch die zwei Hürde meistert das Projekt. In drei Beschlüssen bewilligt der Regierungsrat von 1984 bis 1994 insgesamt 750'000 Franken für die Grundlagenforschung und die Einführung von LBG. Dass Gottfried Ringli in einem weiterhin oralistisch geprägten Umfeld eine solche Finanzierung durchbringt, betrachtet er rückblickend als eine seiner grössten Erfolge.
Die wohl heikelste Frage ist der Einbezug von Gehörlosen in das LBG-Projekt. 1984 beschreibt Gottfried Ringli die Zusammenarbeit mit den Gehörlosen als wichtigste Aufgabe des Projekts. Sie sind die Experten und «Spezialisten» des manuellen Systems. Die Kantonale Gehörlosenschule schliesst einen Kooperationsvertrag mit dem Schweizerischen Gehörlosenbund (SGB, heute sgb-fss) ab, der bereits eine Gebärdensprachkommission unterhält. Zudem erhalten Gehörlose Einsitz in Arbeitsgruppen, die sie zum Teil selbst leiten.
Eine Schlüsselrolle spielt die «Gehörlosengruppe». Die Gehörlosenschule hat im Vorfeld des Projekts Hausgebärden gesammelt und der «Gehörlosengruppe» zur Prüfung vorgelegt. Doch die «Gehörlosengruppe» lehnt viele zum Teil liebgewonnene Hausgebärden ab. So geht man dazu über, dass die «Gehörlosengruppe» die Gebärden entwickelt. Rund 3000 Gebärden entstehen so während des Projekts. Ohne Konflikte läuft dieser Prozess jedoch nicht ab, und es braucht viel Fingerspitzengefühl, um die Gehörlosen bei der Auswahl der Gebärden nicht zu bevormunden.
Fingerspitzengefühl braucht es auch seitens der «Systemgruppe». Sie entwickelt die Kunstgebärden für Wörter, die in der Lautsprache vorkommen, jedoch in der Gebärdensprache fehlen. Auch hier gehen die Meinungen sogar bei den Hörenden auseinander. 1994 kann jedoch Peter Kaufmann gelassen feststellen: Der Trend geht auch bei den Hörenden von den Kunstgebärden weg und hin zu Formen, die möglichst nahe bei der Gebärdensprache sind.
Was hat das LBG-Projekt gebracht? Peter Kaufmann zieht 1994 in den SGB-Nachrichten ein vermeintlich nüchternes Fazit. Für den Schulerfolg hat LBG keinen Einfluss. Doch schaut man genauer hin, fördert die Einführung von LBG die Chancengleichheit. Denn in den 1980er kommen viele fremdsprachige Kinder in die Gehörlosenschule. Diese haben es früher weniger in die Sekundarschule geschafft. Mit LBG gelingt es jedoch fremdsprachigen Kindern vermehrt, in die Sekundarschule überzutreten. Zudem vereinfacht sich die Kommunikation im Alltag und in der Schule dank LBG.
Tatsächlich ist für viele Gehörlose eine Weiterentwicklung unter Gottried Ringlis Nachfolger Jan Keller zu wenig spürbar. Allerdings muss Jan Keller die verschiedenen Dienstleistungen der Gehörlosenschule unter einem neuen Namen sowie die Ausgliederung der Gehörlosenschule aus der kantonalen Verwaltung stemmen. Wohl auch deshalb fehlte ihm die Zeit, sich mit komplexen Sprachfragen zu befassen. Die Umstellung auf bilinguale Schulkonzepte sollte erst unter dem aktuellen Direktor Daniel Artmann abgeschlossen werden.