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Verstaatlichung und Umzug nach Wollishofen

Raumnot an der ETH
Um die Jahr­hun­dert­wen­de des 20. Jahr­hun­derts plat­zen ETH und die Uni­ver­si­tät Zü­rich aus allen Näh­ten. An bei­den Hoch­schu­len stei­gen die Stu­die­ren­den­zah­len. Star­te­te die ETH 1855 mit 50 Stu­die­ren­den und 19 Zu­hö­rern, sind es im Se­mes­ter 1907/08 be­reits 1’400 Stu­die­ren­de und 800 Zu­hö­rer. Die Uni­ver­si­tät star­te­te 1833 mit 161 Stu­die­ren­den, im Se­mes­ter 1907/08 sind es 1937.
Die Uni­ver­si­tät Zü­rich bie­tet im Se­mes­ter 1907/08 etwa drei­mal mehr Vor­le­sun­gen an als 1833. Zudem muss die Uni­ver­si­tät Zü­rich ihre Ab­tei­lun­gen er­wei­tern. Be­trof­fen sind etwa die ge­richt­li­che Me­di­zin, die In­sti­tu­te für Hy­gi­e­ne (Ge­sund­heits­pfle­ge) oder die Ve­te­ri­när­me­di­zin.
Der Grund für die Raum­not: ETH und Uni­ver­si­tät sind seit Mitte der 1860er Jahre zu­sam­men im Po­ly­tech­ni­kum-Ge­bäu­de un­ter­ge­bracht. Wegen der engen Platz­ver­hält­nis­se be­nö­tigt die ETH nun den Platz selbst. Nach lan­gen Ver­hand­lun­gen ei­ni­gen sich Bund und Kan­ton 1905 auf einen so­ge­nann­ten Aus­son­de­rungs­ver­trag. Die­ser Ver­trag re­gelt die Ab­tre­tung von Ge­bäu­den, Samm­lun­gen und die Ab­gel­tung von Un­ter­halts­ver­pflich­tun­gen zwi­schen ETH und Uni­ver­si­tät Zü­rich.
Aussonderungsvertrag
Mit dem Aus­son­de­rungs­ver­trag muss die Uni­ver­si­tät ihren Platz im Po­ly­tech­ni­kum-Ge­bäu­de räu­men. Für diese Plät­ze braucht es einen Neu­bau. Auf rund 11'000 Qua­drat­me­tern sol­len 200 neue Lehr­räu­me ent­ste­hen. Ein Bau­platz fin­det sich auf der an­de­ren Seite der Künstl­er­gas­se. Dort steht je­doch seit ei­ni­gen Jahr­zehn­ten die Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt.
Des­halb braucht es noch eine Ver­ein­ba­rung. Die Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt über­gibt Land, Ge­bäu­de und das ge­sam­te Ver­mö­gen dem Kan­ton Zü­rich. Dafür baut der Kan­ton Zü­rich eine neue An­stalt in Wol­lis­ho­fen und ver­staat­licht die An­stalt. Das An­stalts­ge­bäu­de wird 1910 ab­ge­bro­chen, 1915 zü­gelt die Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt an ihren heu­ti­gen Stand­ort in Wol­lis­ho­fen.
Die Anstalt wird staatlich
Die Ver­staat­li­chung ist di­rekt an die Neu­bau­ten für die Uni­ver­si­tät Zü­rich ge­kop­pelt. Dafür braucht es eine kan­to­na­le Ab­stim­mung. Am 26. April 1908 stimmt die Be­völ­ke­rung zu. Der Ja-An­teil be­trägt 70.53%, die Stimm­be­tei­li­gung 83.69%. Der da­ma­li­ge Di­rek­tor der Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt, Gott­hilf Kull, sieht damit die Taub­stum­men­bil­dung als Teil der Volks­schu­le tief im Volk ver­an­kert.
Die Ver­staat­li­chung ist kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich. Zü­rich ist neben Bern und Lu­zern erst die drit­te kan­to­na­le Taub­stum­me­n­an­stalt und die ein­zi­ge ver­staat­lich­te Blin­de­n­an­stalt in der Schweiz. Die Ver­staat­li­chung wirkt sich zudem di­rekt po­si­tiv auf die Ar­beit der An­stalt aus.
Die Taub­stum­men­leh­rer er­hal­ten mit der Ver­staat­li­chung end­lich den glei­chen Lohn wie ein Volks­schul­leh­rer. Die An­stalt ver­bes­sert so ihre Chan­ce auf die An­stel­lung von qua­li­fi­zier­ten Lehr­per­so­nen. Denn die Taub­stum­me­n­an­stal­ten haben bis weit ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein mit einer gros­sen Fluk­tua­ti­on beim Lehr­per­so­nal zu kämp­fen.
Schulpflicht für taubstumme Kinder
Für die taub­stum­men Kin­der im Kan­ton Zü­rich bringt die Ver­staat­li­chung eine Ver­län­ge­rung der Schul­zeit auf acht Jahre und die Schul­pflicht. Denn als Pri­vat­schu­le muss die Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt ein Kost­geld er­he­ben. Kön­nen die El­tern nicht zah­len, muss die Ar­men­pfle­ge oder ge­mein­nüt­zi­ge Or­ga­ni­sa­ti­o­nen ein­sprin­gen.
Der Taub­stum­men­schu­lung haf­tet so schnell das Stig­ma der Ar­men­ge­n­ös­sig­keit an. Doch auch aus Kos­ten­grün­den er­hal­ten viele taub­stum­me Kin­der in die­ser Zeit keine Schu­lung. Die Schul­pflicht er­laubt es nun der An­stalt, den Ge­mein­den bei den Schul­kos­ten ent­ge­gen­zu­kom­men. Wie bei den Hö­ren­den soll neu die Schul­ge­mein­de für die Fi­nan­zie­rung auf­kom­men.

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