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Ausbau des Bildungsangebots

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg er­lebt die Schweiz eine un­ge­wöhn­lich lange Phase des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs. Der Wirt­schafts­auf­schwung ver­bes­sert die Si­tua­ti­on für die Ge­hör­lo­sen auf dem Ar­beits­markt. Doch Ge­hör­lo­sen­fach­leu­te wie Jo­han­nes Hepp schau­en trotz­dem skep­tisch in die Zu­kunft. Sie rech­nen damit, dass der Auf­schwung bald vor­bei ist. Und dann wer­den die Ge­hör­lo­sen wohl wie­der als Erste auf der Stras­se ste­hen.
Arbeitslosigkeit trotz Berufslehre
Die Sorge ist nicht un­be­rech­tigt. In den 1930er Jah­ren ist es für die Ge­hör­lo­sen schwie­rig, über­haupt eine Lehr­stel­le zu fin­den. Und selbst wenn Ge­hör­lo­se eine Lehr­stel­le er­gat­tern: Das Ab­sol­vie­ren einer Lehre mit Be­rufs­schu­le und das er­folg­rei­che Be­ste­hen einer Lehr­ab­schluss­prü­fung er­höht die An­for­de­run­gen bei­na­he ins Un­mög­li­che.
Wal­ter Kunz, da­mals noch Leh­rer an der Blin­den -und Taub­stum­me­n­an­stalt, führt 1939 eine Un­ter­su­chung zur Ar­beits­lo­sig­keit von Ge­hör­lo­sen durch. Eine Be­rufs­leh­re schützt zu Be­ginn des Zwei­ten Welt­kriegs Ge­hör­lo­se nicht vor Ar­beits­lo­sig­keit. Ge­hör­lo­se mit einer Be­rufs­leh­re sind sogar häu­fi­ger ar­beits­los als Un­ge­lern­te. Die so­ge­nann­ten Taub­stum­men­be­ru­fe wie Schuh­ma­cher, Schnei­der oder Schrei­ner sind of­fen­bar be­son­ders kri­se­n­an­fäl­lig.
Die E-Mail

1971

Die E-Mail
Ein Ex­pe­ri­ment zwi­schen zwei Com­pu­tern – mit einem @ als Ver­bin­dung. Lange bevor Web­sei­ten, Brow­ser und Such­ma­schi­nen un­se­ren All­tag prä­gen, ver­schickt Ray Tom­lin­son die erste E-Mail. Was zu­erst den Ar­beit­s­all­tag ver­än­dert, wird in den 90ern per­sön­lich. Und ir­gend­wann ken­nen wir alle den le­gen­dä­ren Satz: «You’­ve got mail.»
Der Aufbau der modernen Gehörlosenbildung
Wäh­rend die Schwei­zer Wirt­schaft nach dem Zwei­ten Welt­krieg an­zieht, sind Ge­hör­lo­se immer noch mit den glei­chen Her­aus­for­de­run­gen kon­fron­tiert: Sie sind in­tel­li­gent genug für an­spruchs­vol­le Be­ru­fe, es fehlt ihnen je­doch zum einen eine be­glei­ten­de Be­rufs­schu­le, die auf ihre Be­dürf­nis­se zu­ge­schnit­ten ist. Zwar gibt es seit 1934 die Lehr­werk­stät­te für Ge­hör­lo­se in Oer­li­kon. Doch die Lehr­werk­stät­te gerät kurz nach ihrer Grün­dung in eine fi­nan­zi­el­le Schief­la­ge und wird 1949 ein­ge­stellt. Für die Aus­bil­dung von ge­hör­lo­sen Lehr­lin­gen braucht es einen Neu­start.
Zum an­de­ren fehlt ihnen das Know-how, um in der Be­rufs­schu­le zu be­ste­hen. Denn die Ge­hör­lo­sen ste­hen bis zur Grün­dung der heu­ti­gen SEK3 nach Schul­aus­tritt fak­tisch nur mit einem Pri­mar­schul-Ab­schluss da. Die «Ver­ord­nung über die kan­to­na­le Taub­stum­men­schu­le Zü­rich» von 1969 sieht für die Aus­bil­dung ge­hör­lo­ser Kin­der zwei Jahre Kin­der­gar­ten und 10 Jahre Un­ter­richt vor. Die Grund­schu­le bzw. Pri­mar­schu­le dau­ert in der Ge­hör­lo­sen­schu­le acht Jahre, die Ober­stu­fe hin­ge­gen nur zwei Jahre.
Die Taub­stum­me­n­an­stal­ten kön­nen die Her­aus­for­de­run­gen nicht lösen. 1954 ent­steht des­halb die Be­rufs­schu­le für Hör­ge­schä­dig­te (BsfH) für die be­rufs­be­glei­ten­de Lehre. Doch die Er­fah­run­gen aus der Ge­wer­be­schu­le bzw. der BsfH zei­gen: Das feh­len­de Schul­wis­sen be­las­tet die Be­rufs­schu­le un­nö­tig. So wird 1959 die Ober­stu­fen­schu­le für Ge­hör­lo­se (heute SEK3 - Ober­stu­fe für Ge­hör­lo­se und Schwer­hö­ri­ge) in Zü­rich er­öff­net.
Von Be­ginn an ist sie über­re­gi­o­nal or­ga­ni­siert. Sie schliesst an die re­gi­o­na­le Grund­aus­bil­dung in den Ge­hör­lo­sen­schu­len Rie­hen, Ho­hen­rain, Mün­chen­buch­see, St. Gal­len und Zü­rich an. Des­halb braucht es auch Über­nach­tungs­ge­le­gen­hei­ten. Als das Ge­hör­lo­sen­zen­trum ent­steht, sind auch Un­ter­künf­te für die Ober­stu­fen­schu­le vor­ge­se­hen.
Seit der Grün­dung hat die Ober­stu­fen­schu­le für Ge­hör­lo­se mehr­mals ihren Namen ge­än­dert, von der «Ober­stu­fen­schu­le für gut­be­gab­te Ge­hör­lo­se» hin zur heu­ti­gen SEK3 - Ober­stu­fe für Ge­hör­lo­se und Schwer­hö­ri­ge. Vor­erst soll­ten nur die bes­ten Schü­ler:innen eine wei­ter­füh­ren­de Schu­le be­su­chen. In den 1960er Jah­ren pro­fi­tie­ren je­doch auch die «schwä­che­ren» ge­hör­lo­sen Schü­ler:innen von einem wei­ter­füh­ren­den Un­ter­richt.
Zudem wird der vor­erst nur ein Jahr dau­ern­de Un­ter­richt bis 1982 auf drei Schul­jah­re aus­ge­dehnt. Die­ser län­ge­re Un­ter­richt ist die Basis, um Ge­hör­lo­sen einen glei­chen Se­kun­dar­ab­schluss wie für die Hö­ren­den an­zu­bie­ten. Zudem öff­net sich die SEK3 ge­gen­über schwer­hö­ri­gen Schü­ler:innen, wel­che in Teilin­te­gra­ti­ons­klas­sen auf­ge­nom­men wer­den.
1959: Der Start der SEK3
Das Pro­jekt einer wei­ter­füh­ren­den Schu­le für Ge­hör­lo­se fin­det auch die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung des Kan­tons. Der Re­gie­rungs­rat un­ter­stützt die Ober­stu­fen­schu­le 1959 mit 10'000 Fran­ken. Zwar ist die ge­plan­te Klas­se nach Mei­nung des Re­gie­rungs­rats mit acht Schü­lern eher klein. Doch im­mer­hin sind fünf Schü­ler:innen Zür­cher bzw. Zür­che­rin­nen, und der Re­gie­rungs­rat hält die Ober­stu­fen­schu­le für zu­kunfts­wei­send. Aus­ser­dem sind bald IV-Bei­trä­ge zu er­war­ten, was das Ri­si­ko eher über­schau­bar macht.
Der Re­gie­rungs­rat soll­te mit sei­ner Pro­gno­se recht be­hal­ten. 1964 an­er­kennt das Bun­des­amt für So­zi­a­l­ver­si­che­run­gen (BSV) die Ober­stu­fen­schu­le. Seit­her er­hält die Schu­le von der In­va­li­den­ver­si­che­rung (IV) Bei­trä­ge. Wei­ter über­neh­men die Ge­mein­den der ge­hör­lo­sen Schü­ler:innen und die Kan­to­ne einen Bei­trag. Im Fall des Kan­tons Zü­rich ist dies seit 1986 der Fall. Die Vor­aus­set­zung für die Bei­trä­ge ist die An­er­ken­nung der SEK3 als Son­der­schu­le, die der Re­gie­rungs­rat be­reits 1979 be­schliesst.
Ei­ge­ne Wege geht die Ober­stu­fe für Ge­hör­lo­se auch bei ihrem Stand­ort. Seit 1961 ist die SEK3 im Schul­haus Hans Asper un­ter­ge­bracht. So ent­ste­hen be­reits früh For­men der in­te­gra­ti­ven Schu­lung. Ge­hör­lo­se und hö­ren­de Schü­ler:innen tei­len sich heute nicht nur das Schul­haus und die Schul­klas­sen. Sie ver­brin­gen auch mit­ein­an­der die Pause oder dis­ku­tie­ren im Schü­ler­rat ge­mein­sa­me An­lie­gen. Im Mit­tags­hort mi­schen sich ge­hör­lo­se, schwer­hö­ri­ge und hö­ren­de Schü­ler:innen. Auch ge­mein­sa­me Lager, Aus­flü­ge oder Pro­jekt­wo­chen bie­ten die Ge­le­gen­heit, dass hö­ren­de, ge­hör­lo­se und schwer­hö­ren­de Schü­ler:innen sich bes­ser ken­nen­ler­nen und aus­tau­schen kön­nen.

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