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Namen Kantonale Taubstummenschule, Kantonale Gehörlosenschule

Das ZGSZ wird zwar als An­stalt ge­grün­det. Ge­treu dem An­stalts­ge­dan­ken sol­len die Kin­der prak­tisch die ganze Schul­zeit in der An­stalt ver­brin­gen und höchs­tens wäh­rend der Fe­ri­en zu den El­tern zu­rück­keh­ren. Doch be­reits Vor­ste­her Georg Schi­bel zeigt sich in die­ser Frage fle­xi­bel. Seine Bil­dungs­rei­sen «in den Nor­den» haben ihn skep­tisch ge­gen­über Ex­ter­na­ten wer­den las­sen. Denn häu­fig genug trifft er bei sol­chen Ex­ter­na­ten auf Pfle­ge­fa­mi­li­en, die sich mit den Taub­stum­men mü­he­los mit Ge­bär­den ver­stän­di­gen.
Die Ge­bär­den sind für ihn ein Haupt­grund zum Ent­scheid gegen die Ex­ter­na­te. Doch als In­ter­nat kom­men für ihn nur klei­ne­re und fa­mi­li­en­ähn­lich ge­führ­te In­sti­tu­te in Frage. Bei allzu gros­sen In­ter­na­ten, die er «Taub­stum­men-Ka­ser­nen» nennt, hält er Ex­ter­na­te für die bes­se­re Lö­sung.
Tat­säch­lich lässt sich in Zü­rich ein rei­nes In­ter­nat nicht um­set­zen. Die Platz­ver­hält­nis­se am ers­ten Stand­ort, dem Brun­nen­turm, sind eng. Auch der Neu­bau an der Künstl­er­gas­se, in dem die Blin­de­n­an­stalt ab 1838 bis zum Umzug nach Wol­lis­ho­fen un­ter­ge­bracht ist, bie­tet nicht genug Platz für alle Zög­lin­ge. So setzt Schi­bel ein prag­ma­ti­sches Inter-Ex­ter­nat um. Wäh­rend die Stadt­zür­cher Ge­hör­lo­sen die Schu­le im Ex­ter­nat be­su­chen, will er die Ge­hör­lo­sen vom Land im In­ter­nat be­hal­ten.
Der An­stalts­ge­dan­ke hält sich je­doch bis nach dem ers­ten Welt­krieg. 1944 tritt mit Wal­ter Kunz ein Vor­ste­her mit neuen Ideen sei­nen Pos­ten an. Damit geht eine Wand­lung ein­her, die sich in der Na­mens­än­de­rung zur «Taub­stum­men­schu­le» nie­der­schlägt. Die Um­be­nen­nung auf das Schul­jahr 1966/1967 schliesst diese Ent­wick­lung ab.
Das Cochlea-Implantat

1977

Das Cochlea-Implantat
Nicht lau­ter, son­­dern bes­­ser hören. Mit den er­s­ten mo­­der­­nen Coch­lea-Im­­plan­ta­ten wer­­den Töne über elek­tri­­sche Im­­pul­­se di­rekt an den Hör­­nerv wei­ter­­ge­­ge­­ben und damit neue Mög­­lich­kei­ten für Men­­schen mit stark ein­­ge­schränk­tem Hör­­ver­­mö­­gen ge­­schaf­­fen.
Die Öffnung der Anstalt unter Walter Kunz
Kunz be­ginnt die An­stalt gegen aus­sen zu öff­nen. Ge­ra­de weil die An­stalt in einem Wohn­quar­tier steht, möch­te er eine gute Nach­bar­schaft er­rei­chen. So führt er die «Nach­bar-Sonn­tag­s­el­tern» ein. Fa­mi­li­en un­ter­neh­men ein­mal im Jahr mit ge­hör­lo­sen Schü­ler:innen einen Aus­flug oder brä­teln im Gar­ten. Doch auch die Taub­stum­me­n­an­stalt lädt die Kin­der aus dem Quar­tier ein; sie dür­fen etwa den Strei­chel­zoo der An­stalt be­su­chen. Diese Ak­ti­vi­tä­ten hel­fen mit, die An­stalt im Quar­tier bes­ser zu ver­an­kern.
Gegen innen will Kunz den An­stalts­mief ver­trei­ben. Die Kin­der sol­len eine fröh­li­che und glü­ck­li­che Schul­zeit er­le­ben. Er lässt Gar­te­n­an­la­gen, Klein­tier­ge­he und Schwimm­be­cken für die Klei­nen und ein Schwimm­bad an­le­gen, dazu die gros­se Pau­sen­hal­le. Neben den Kin­dern rü­cken auch die El­tern in den Vor­der­grund.
So be­schreibt Kunz in sei­ner Er­in­ne­rung «Es ist nicht wahr...» immer wie­der, wie schwie­rig es für El­tern ist, ihr Kind in die Taub­stum­me­n­an­stalt zu geben. So wird es für Kunz selbst­ver­ständ­lich, dass die An­stalt die El­tern zum Be­such ein­lädt, dass sie dabei sind, wenn das Kind in die Taub­stum­me­n­an­stalt ein­tritt. Oder er er­klärt bei den El­tern auch mal blaue Fle­cken der Kin­der. Nicht Schlä­ge, son­dern das Aus­to­ben an den har­ten Spiel­ge­rä­ten im Gar­ten sind die Ur­sa­che.
Die Neu­e­run­gen be­schäf­ti­gen auch Kunz’s Nach­fol­ger, Gott­fried Ring­li. Im Jah­res­be­richt von 1961 schreibt Ring­li, dass der Wan­del von der Taub­stum­men-An­stalt zur Taub­stum­men-Schu­le mit Heim für Wo­chen­auf­ent­hal­ter lang­sam vor­an­schrei­tet. Der Ein­be­zug der El­tern und die Bin­dung ans El­tern­haus wird so ge­stärkt.
Doch Ring­li sieht, dass es für wei­ter ent­fernt woh­nen­de Kin­der neue Lö­sun­gen braucht. Im Ver­lau­fe sei­ner Di­rek­to­rats­zeit sucht er kre­a­ti­ve Lö­sun­gen, damit Kin­der an den Wo­chen­en­den mehr Zeit mit ihren El­tern ver­brin­gen kön­nen.
«Taubstumm» – ein umstrittener Begriff
Noch län­ger müs­sen die Ge­hör­lo­sen dar­auf war­ten, bis das Wort «Taub­stum­me­n­an­stalt» aus dem Namen ver­schwin­det. Erst mit dem Schul­jahr 1976/77 ist es so weit. Diese Um­be­nen­nung schliesst einen Wan­del ab, der ab den 1920er Jah­ren ein­setzt. Die Ge­hör­lo­sen stö­ren sich am Wort «taub­stumm». Sie sind nicht stumm, habe sie doch unter un­säg­li­chen Mühen in der Ge­hör­lo­sen­schu­le Spre­chen ge­lernt.
Auch das «Dumm­sein» woll­ten sie sich nicht bie­ten las­sen. Sie sind qua­li­fi­zier­te Ar­bei­ten­de und neh­men Auf­ga­ben in ihren Ge­hör­lo­sen­ver­ei­nen wahr. Bei ihrem Kampf für das Wort «ge­hör­los» stos­sen sie auf den Wi­der­stand von Fach­per­so­nen und Ge­sell­schaft. Diese Per­so­nen ar­gu­men­tie­ren: «Taub­stumm» be­deu­tet nicht bil­dungs­un­fä­hig. Er be­zeich­net viel­mehr die all­ge­mein an­ders­ar­ti­ge Geis­tes­art der von Ge­burt an tau­ben Men­schen.
Doch der neue Be­griff setzt sich durch. Bis zum Schul­jahr 1976/77 haben be­reits Fa­ch­or­ga­ni­sa­ti­o­nen ihre Namen ge­än­dert: Aus dem Taub­stum­men-Pfarr­amt wird das Ge­hör­lo­sen-Pfarr­amt, un­ter­ge­bracht ist es im Ge­hör­lo­sen­zen­trum. Zudem hält der Re­gie­rungs­rats­be­schluss vom 17. März 1976, der zur Um­be­nen­nung führt, einen wei­te­ren Vor­teil fest: Mit dem Be­griff «ge­hör­los» ist eine bes­se­re Ab­gren­zung zu den «Schwer­hö­ri­gen» mög­lich.

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