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Bildungsfähig, aber mindererwerbsfähig

Ein de­fi­zi­to­ri­en­tier­tes Men­schen­bild

Eugen Su­ter­meis­ter (1862-1931) ist ein um­trie­bi­ger Mann. Als Ge­hör­lo­ser wirkt Su­ter­meis­ter im Kan­ton Bern als Ge­hör­lo­sen­pfar­rer, ist Mit­grün­der des heu­ti­gen Da­ch­ver­bands Sonos und am Auf­bau des Zür­cher Ge­hör­lo­sen­pfarr­amts be­tei­ligt. Er fo­to­gra­fiert die Ge­hör­lo­sen­schu­le, Ge­hör­lo­sen­fes­te, Taub­stum­men­leh­rer und ge­hör­lo­se Zeit­ge­nos­sen. Und vor allem ver­öf­fent­licht Su­ter­meis­ter 1929 ein zwei­bän­di­ges Quel­len­buch zum Taub­stum­men­we­sen. Es ist eines der wich­tigs­ten Nach­schla­ge­wer­ke für die jün­ge­re Ge­hör­lo­sen­ge­schich­te. Vor allem ist das Quel­len­buch iro­ni­scher­wei­se der Grund, wes­halb Ge­hör­lo­se Su­ter­meis­ter kri­tisch oder sogar als Nest­be­schmut­zer sehen.
Su­ter­meis­ter be­ginnt sein Quel­len­buch mit einer psy­cho­lo­gi­schen Ein­ord­nung des ge­hör­lo­sen Men­schen. Jäh­zor­ning sei der Taub­stum­me, leicht­gläu­big und doch zu­gleich miss­trau­isch, un­fä­hig zur Selbs­t­er­kennt­nis und mit einem Hang zur Selbst­über­schät­zung. Ge­ra­de der letz­te Vor­wurf fällt auf Su­ter­meis­ter selbst zu­rück. Ge­hör­lo­se Zeit­ge­nos­sen spot­ten, dass sich Su­ter­meis­ter für sein Quel­len­buch den Eh­ren­dok­tor­ti­tel er­hoff­te. Dar­aus wird zwar nichts. Doch dafür bleibt Su­ter­meis­ter als prä­gen­de Figur des Ge­hör­lo­sen­we­sens in Er­in­ne­rung.
Es ist ein her­ab­wür­di­gen­des Bild, das Su­ter­meis­ter 1929 von den ge­hör­lo­sen Men­schen zeich­net. Es ist je­doch eine Hal­tung, die da­mals auch hö­ren­de Fach­leu­te ver­tre­ten. Denn die Hö­ren­den, die bis weit ins 20. Jahr­hun­dert das Ge­hör­lo­sen­we­sen prä­gen, spie­geln ihr Selbst­bild auf den Ge­hör­lo­sen. Der Ge­hör­lo­se hört nichts. Er ist von allem ab­ge­schnit­ten, was für Hö­ren­de die Welt aus­macht: Musik, Um­ge­bungs­ge­räu­sche oder Vo­gel­ge­zwit­scher. Schon da­ma­li­ge Kri­ti­ker spot­ten, sie hät­ten noch nie so viel von Vo­gel­ge­zwit­scher oder mur­meln­den Bä­chen ge­hört wie in den Ge­hör­lo­sen­schu­len.
Ge­hör­lo­se sind für Hö­ren­de also nicht ein­fach «Hö­ren­de ohne Gehör». Ihnen fehlt mit der Spra­che ein wich­ti­ger Teil zur Mensch­wer­dung. Da­durch zie­hen die Ge­hör­lo­sen­leh­rer ihr Pres­ti­ge. Denn indem sie den ge­hör­lo­sen Men­schen – na­tür­lich mit un­er­mess­li­cher Zä­hig­keit, Hin­ga­be und Ge­duld – die Spra­che bei­brin­gen, ma­chen sie das taub­stum­me Kind zum Men­schen und Teil der (hö­ren­den) Ge­sell­schaft. Dass nur die Laut­spra­che die (ob­li­ga­to­ri­sche) In­te­gra­ti­on bei den Hö­ren­den si­cher­stellt, ist unter Ge­hör­lo­sen­leh­rern un­be­strit­ten.
Aus die­sem ge­wis­ser­mas­sen gött­li­chen Akt der «Mensch­wer­dung» lei­ten die hö­ren­den Fach­per­so­nen das Be­stim­mungs­recht über den ge­hör­lo­sen Men­schen ab. Bis in die 1930er Jah­ren prä­gen ge­mäss Hepp die kre­ti­ni­schen, kör­per­lich schwer­fäl­li­gen, klein ge­wach­se­nen, schwer­hö­rig bis taub­stum­men Geis­tes­schwa­chen die Schwei­zer Taub­stum­me­n­an­stal­ten. Sie sind dank­bar für die Be­treu­ung durch die hö­ren­den Fach­per­so­nen. Ab den 1940er Jah­ren geht wegen der Sa­lz­jo­die­rung die en­de­mi­sche Taub­stumm­heit zu­rück, die für die kre­ti­ni­schen Taub­stum­men ver­ant­wort­lich ist. Es fol­gen nun bil­dungs­fä­hi­ge­re Jahr­gän­ge, die die Laut­spra­che bes­ser ler­nen. Diese Ge­hör­lo­sen for­dern je­doch mehr Selbst­be­stim­mung. Eine enge Be­treu­ung oder Be­mut­te­rung durch hö­ren­de Fach­per­so­nen leh­nen sie nach dem Schul­aus­tritt ab.
Weil die gut­be­gab­ten Ge­hör­lo­sen nun bes­ser in den Ar­beits­markt in­te­griert wer­den sol­len, braucht es nach An­sicht der hö­ren­den Fach­per­so­nen eine um­fas­sen­de­re Be­ra­tung in prak­ti­schen Le­bens­fra­gen. Doch auch die Un­ter­stüt­zung bei der «Be­rufs­wahl», Stel­len­wech­sel oder Ar­beits­lo­sig­keit wird nun wich­ti­ger. Dies ist eine der Auf­ga­ben der neu ent­ste­hen­den Für­sor­ge­stel­len. Im Kan­ton Zü­rich rich­tet der Zür­cher Für­sor­ge­ver­ein für Ge­hör­lo­se zu­sam­men mit dem Ge­hör­lo­sen­pfarr­amt und der Ge­hör­lo­sen­schu­le 1940 eine Für­sor­ge­stel­le ein. Erste Für­sor­ge­rin wird die Di­a­ko­nis­sen­schwes­ter Mar­tha Mug­g­li. Pa­ra­do­xer­wei­se kommt es des­halb ge­ra­de bei den «be­gab­te­ren» Ge­hör­lo­sen zu einer lü­cken­lo­se­ren Be­treu­ung. Ge­ra­de die Be­glei­tung durch die Ge­hör­lo­sen­schu­le oder der Für­sor­ge­stel­le er­laubt der Für­sor­ge­rin tiefe Ein­bli­cke in die Le­bens­welt ihrer ge­hör­lo­sen Schütz­lin­ge.
Die De­fi­zi­to­ri­en­tie­rung bleibt. Ge­hör­lo­se sind im­pul­siv, wenig le­bens­er­fah­ren oder leicht­gläu­big. Selbst wenn hö­ren­de Fach­per­so­nen Ge­hör­lo­se als gut­be­gabt ein­stu­fen, brau­chen die Ge­hör­lo­sen wei­ter­hin Un­ter­stüt­zung durch «wohl­mei­nen­de hö­ren­de Freun­de». Sie be­hal­ten die Laut­spra­che und ihre In­te­gra­ti­ons­fä­hig­keit nur, indem sie durch den Um­gang mit Hö­ren­den «ver­kehrs­fä­hig» blei­ben. Und so ist es selbst­ver­ständ­lich: Selbst wenn In­sti­tu­ti­o­nen wie zum Bei­spiel das Ge­hör­lo­sen-Pfarr­amt die Ge­hör­lo­sen als Kir­chen­hel­fer ein­be­zie­hen, wird an der Laut­spra­che fest­ge­hal­ten: Damit die Ge­hör­lo­sen ihre Laut­spra­che­kom­pe­tenz be­hal­ten, die den Men­schen über das Tier (und den sprach­lo­sen ge­bär­den­den Taub­stum­men) er­hebt.

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