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Erforschung der Gebärdensprache

Als die Ge­bär­den­sprach­for­schung in den 1980er Jah­ren in der Schweiz be­ginnt, ist das Land ge­bär­den­sprach­lich ge­se­hen ein Ent­wick­lungs­land. Die Ge­hör­lo­sen­schu­len hal­ten prak­tisch durch­ge­hend an der laut­sprach­li­chen Er­zie­hung fest. Die so­ge­nann­te «alte Garde» der Ge­hör­lo­sen, die vor allem von 1945 bis in die 1970er/1980er Jahre Ein­fluss hat, stellt sich weit­ge­hend hin­ter die Laut­spra­che. Und so wird die Ge­bär­den­sprach­for­schung von ver­schie­de­nen – auch klei­ne­ren Or­ga­ni­sa­ti­o­nen – an­ge­regt und un­ter­stützt. Es ist je­doch auch eine Be­we­gung, die Be­trof­fe­ne ein­be­zieht und auch von (ge­hör­lo­sen) Frau­en ge­tra­gen wird.
Penny Boyes Braem – die Mutter der Gebärdensprachforschung
Ge­wis­ser­mas­sen die Mut­ter der Ge­bär­den­sprach­for­schung ist Penny Boyes Braem. Sie kommt 1974 in die Schweiz. Als sie an der Uni­ver­si­tät Ber­ke­ley (Ka­li­for­ni­en) ihre Dis­ser­ta­ti­on über die ame­ri­ka­ni­sche Ge­bär­den­spra­che ab­sch­liesst, freut sie sich auf die Ge­bär­den­sprach­for­schung in ihrer neuen Hei­mat. Sie ahnt nicht, wie ab­leh­nend die hö­ren­den Fach­per­so­nen der Ge­bär­den­spra­che ge­gen­über­ste­hen. In Gott­fried Ring­li fin­det sie einen wich­ti­gen Ver­bün­de­ten, der sei­nen Ein­fluss, seine Kon­tak­te, fi­nan­zi­el­les En­ga­ge­ment und auch sei­nen Ruf für die För­de­rung der Ge­bär­den­spra­che ein­setzt.
Gott­fried Ring­li rät Penny Boyes Braem prag­ma­tisch, un­ab­hän­gig von Uni­ver­si­tä­ten zu be­gin­nen und ein brei­tes Pu­bli­kum mit In­for­ma­ti­o­nen zu ver­sor­gen. 1982 grün­det Penny Boyes Braem das For­schungs­zen­trum für Ge­bär­den­spra­che in Basel (FZG). Als das FZG ab 1990 For­schungs­gel­der des Schwei­ze­ri­schen Na­ti­o­na­l­fonds er­hält, braucht es einen grös­se­ren Part­ner. Mit der Zu­sam­me­n­a­r­beit des Heil­päd­ago­gi­schen Se­mi­nars (HPS, heute Hoch­schu­le für Heilp­dägo­gik [HfH]) ge­lingt die An­bin­dung an die Hoch­schu­le doch noch – und zu­sätz­lich die An­stel­lung von ge­hör­lo­sen Mit­a­r­bei­ter:innen. Für ihre Ar­beit er­hält Penny Boyes Braem 2014 die Ehren-Dok­tor­wür­de der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Zü­rich.
Katja Tissi
Grund­la­ge­n­a­r­beit leis­tet je­doch auch die Ge­bär­den­kom­mis­si­on des Schwei­ze­ri­schen Ge­hör­lo­sen­bun­des (da­mals SGB, heute sgb-fss). Für die Ver­mitt­lung der Ge­bär­den­spra­che müs­sen z. B. Ge­bär­den ge­sam­melt und fest­ge­hal­ten wer­den Des­halb schreibt der SGB eine Stel­le als Il­lus­tra­to­rin aus, die er 1989 mit der ge­hör­lo­sen Katja Tissi be­setzt. Katja Tissi ab­sol­viert nach ihrer Schul­zeit an der Ge­hör­lo­sen­schu­le in Zü­rich eine Lehre als Hoch­bau­zeich­ne­rin (1984).
Bei ihrem Stel­le­n­an­tritt im April 1989 hat sie ge­ra­de ihr Stu­di­um an der Hoch­schu­le für Ge­stal­tung (HfG Kunst­ge­wer­be­schu­le, heute ZHdK) als Pro­duk­ti­ons-De­si­g­ne­rin ab­ge­schlos­sen. Wäh­rend des Stu­di­ums lernt sie Ruedi Graf, Ma­nue­la Brumm-Sordo und Marie Schmidt ken­nen, die die Ge­bär­den­spra­che ver­mit­teln. Durch diese Grup­pe mo­ti­viert, ar­bei­tet Katja Tissi am Abend eben­falls als Leh­re­rin und wird mit be­ra­ten­der Stim­me Mit­glied der Ge­bär­den­kom­mis­si­on des SGB.
Das Mobiltelefon

1973

Das Mobiltelefon
Der erste Anruf vom Handy kommt aus einem ziem­li­chen Klotz – dem le­gen­dä­ren Mo­to­ro­la „Kno­chen“. Ent­wi­ckelt in den 70ern, dau­ert es fast zehn Jahre, bis er über­haupt auf den Markt kommt. Und selbst dann ist er we­ni­ger All­tag als Sta­tus: rund 4000 Dol­lar für ein Gerät, das man sich ge­fühlt eher ans Ohr stemmt als läs­sig be­nutzt.
Die Vermittlung der Gebärdensprache
In der Ge­bär­den­kom­mis­si­on sitzt auch Penny Boyes Braem. Sie schlägt vor, für ein Il­lus­tra­ti­ons­pro­jekt bei der Stif­tung John­son Stan­ley ein Ge­such zu stel­len. Boyes Braem or­ga­ni­siert die Stel­le­n­aus­schrei­bung, for­dert Katja Tissi zur Be­wer­bung auf und un­ter­stützt sie beim Pro­jekt. Weil die Stif­tung John­son Stan­ley einen Ab­schluss­be­richt be­nö­tigt, wird aus der Ge­bär­den­samm­lung ein Buch mit 700 Ge­bär­den. Es er­scheint 1993. Doch viele of­fe­ne Fra­gen sind noch nicht be­frie­di­gend ge­löst. Wie las­sen sich die Ge­bär­den nach­schla­gen und ihre Funk­ti­on er­klä­ren? Die­ses Fra­gen wird erst mit dem On­line-Ge­bär­den­spra­che-Le­xi­kon zu­frie­den­stel­lend um­ge­setzt. Bis es so weit ist, dau­ert es noch etwas.
For­schungs­a­r­beit und Wei­ter­ent­wick­lung braucht es auch bei der Ver­mitt­lung der Ge­bär­den­spra­che. Seit 1984 er­tei­len zwar Ge­hör­lo­se Kurse. Doch es braucht eine bes­se­re Qua­li­tät. Katja Tissi, Penny Boyes Braem und Ueli Schlat­ter bauen des­halb von 1990-1993 den ers­ten GSLA-Kurs (Ge­bär­den­sprach­leh­rer-Aus­bil­dung) am Heil­päd­ago­gi­schen Se­mi­nar auf. Ul­rich Schlat­ter (1937–1984) ar­bei­tet seit 1962 als Ge­hör­lo­sen­leh­rer an der Kan­to­na­len Ge­hör­lo­sen­schu­le in Zü­rich.
Nach Ab­schluss sei­ner Aus­bil­dung als Hör­ge­schä­dig­ten-Päd­ago­ge über­nimmt Schlat­ter 1973 die neu ge­schaf­fe­ne Ab­tei­lung für mehr­fach­be­hin­der­te Kin­der. Be­reits in den 1970er Jah­ren möch­te er die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Ge­bär­den ver­bes­sern. Des­halb baut er zu­neh­mend Kon­tak­te zum Ge­hör­lo­sen­we­sen auf. Doch ihm ist wich­tig, dass die Ge­hör­lo­sen selbst Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Des­halb legte er die GSLA-Aus­bil­dung nach dem ers­ten Aus­bil­dungs­gang in ge­hör­lo­se Hände. Auf Wunsch des da­ma­li­gen SGB-Prä­si­den­ten Felix Urech über­nimmt ab dem zwei­ten Aus­bil­dungs­gang Patty Sho­res die Ver­ant­wor­tung.
Stoffplan PRO G
Die Ge­bär­den­sprach-For­schung und die Ver­mitt­lung der Ge­bär­den­spra­che ist damit je­doch nicht ab­ge­schlos­sen. Die Ge­bär­den­sprach­leh­rer-Aus­bil­dung öff­net sich zu­neh­mend ge­gen­über Schwer­hö­ri­gen und CI-Trä­gern. Zudem rü­cken die Ge­hör­lo­sen­ge­schich­te und die Ge­hör­lo­sen­kul­tur beim Ver­mit­teln der Ge­bär­den­spra­che in den Vor­der­grund.
2013 er­scheint der Stoff­plan PRO G. Die­ser gibt An­re­gun­gen, wie sich die Ge­hör­lo­sen­kul­tur oder die Ge­hör­lo­sen­ge­schich­te in den Un­ter­richt ein­bau­en las­sen. Pro G hat seit­her meh­re­re Wei­ter­ent­wick­lun­gen er­fah­ren. Ak­tu­ell wird unter der Lei­tung von Katja Tissi und der Mit­a­r­beit von Re­gu­la Herr­sche, Irina Da­vatz, Heidi Sto­cker und Ge­bär­den­sprach-Leh­rer:innen ein neues Lehr­mit­tel er­a­r­bei­tet, das Pro G ab­löst.
Was bleibt nach über 40 Jah­ren Ge­bär­den­sprach­for­schung und dem Ein­be­zug der Be­trof­fe­nen in die For­schung? Si­cher hat sich die Rolle der Ge­hör­lo­sen als For­schen­de ge­än­dert. Heute strebt man viel stär­ker eine ge­mein­sa­me For­schung von Be­trof­fe­nen und Ge­hör­lo­sen auf Au­gen­hö­he an. Dies war in den 1980er Jah­ren noch an­ders, als die Hö­ren­den noch eher die Ziele vor­ga­ben und den Ge­hör­lo­sen nur eine Ne­ben­rol­le zu­ge­stan­den wurde.
Doch auch die Tech­nik hat die For­schung stark ver­än­dert. Vi­deo­auf­nah­men und heute die KI er­mög­lich­ten und er­mög­li­chen es, die Ge­bär­den­spra­che aus einem an­de­ren Blick­win­kel zu be­trach­ten. Die For­schungs­a­r­beit geht also wei­ter – auch für Katja Tissi. An der HfH ist sie bis heute als Se­ni­or Lec­tur­er für Ge­bär­den­sprach-Leh­ren­de tätig und in ver­schie­de­ne For­schungs­pro­jek­te in­vol­viert.

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