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Napoleon und die Schweiz

In der Schweiz gärt es
Wird ein mi­li­tä­ri­scher Um­sturz in der Eid­ge­nos­sen­schaft un­ter­stützt? Die Basis wäre vor­han­den. Die Auf­klä­rung fin­det auch in der Schweiz An­hän­ger. Die so­ge­nann­ten Pa­tri­o­ten wol­len Pri­vi­le­gi­en der herr­schen­den Fa­mi­li­en oder die Leib­ei­gen­schaft ab­schaf­fen. Zudem wün­schen sie sich eine mo­der­ne Ver­fas­sung und Frei­heits­rech­te wie die Mei­nungs-, Wirt­schafts- und Han­dels­frei­heit. Un­ter­ta­nen­ge­bie­te wie das Frei­amt oder die Graf­schaft Baden for­dern zu­sätz­lich Au­to­no­mie und die Un­ab­hän­gig­keit.
Die Ver­su­che der Pa­tri­o­ten blei­ben bis zum Ein­marsch der fran­zö­si­schen Trup­pen er­folg­los. Die ari­s­to­kra­ti­schen Re­gie­run­gen re­a­gie­ren hart auf auf­klä­re­ri­sche For­de­run­gen. Im Kan­ton Zü­rich ver­lan­gen zum Bei­spiel 1794 die Land- und See­ge­mein­den des Kan­tons Zü­rich po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Re­for­men. Die Zür­cher Re­gie­rung setzt sich bis 1795 durch und ver­hängt schwe­re Stra­fen gegen die Rä­dels­füh­rer. Der Stäf­ner Han­del gilt heute als Sym­bol, dass die alte Eid­ge­nos­sen­schaft nicht re­for­mier­bar ge­we­sen ist.
Die Entscheidung fällt
1797 macht sich Na­po­le­on selbst ein Bild von der Si­tua­ti­on. Über die Schweiz reist er an den Ra­s­tat­ter Kon­gress, der die Be­schlüs­se des Frie­dens von Cam­po­for­nio um­setzt. Die fran­zö­si­sche Re­gie­rung, das so­ge­nann­te Di­rek­to­ri­um, zieht neben dem Be­richt von Bo­na­par­te wei­te­re Er­kun­di­gun­gen ein. So kommt das Di­rek­to­ri­um zum Schluss: Die Schweiz ist reif für den Um­sturz. Peter Ochs, der Zunft­meis­ter von Basel, soll eine ent­spre­chen­de Ver­fas­sung aus­a­r­bei­ten.
Zu­gleich ver­legt Na­po­le­on eine Di­vi­si­on von Ita­li­en in den Schwei­zer Jura. Im De­zem­ber 1797 be­set­zen fran­zö­si­sche Trup­pen unter an­de­rem Mou­tier und Biel. Sei­tens der Eid­ge­nos­sen­schaft gibt es dar­auf keine Re­ak­ti­on. Auch eine aus­ser­or­dent­li­che Tag­sat­zung endet er­folg­los. Die Tag­sat­zung be­schwört zwar die Alten Bünde, doch eine mi­li­tä­ri­sche Re­ak­ti­on be­schliesst sie nicht.
Die Folgen
Erst nach dem Vor­rü­cken der fran­zö­si­schen Trup­pen be­gin­nen sich die alten Orte zu re­for­mie­ren. Sie ent­las­sen etwa die Un­ter­ta­nen­ge­bie­te in die Un­ab­hän­gig­keit. Für die Graf­schaft Baden, das vom Vor­ort Zü­rich mit­ver­wal­tet wird, ist es im März 1798 so weit. Doch diese Re­for­men ge­nü­gen der fran­zö­si­schen Re­gie­rung nicht. Sie will eine Ein­heits­re­pu­blik nach fran­zö­si­schem Vor­bild, wie es die von Peter Ochs vor­ge­leg­te Ein­heits­ver­fas­sung vor­sieht.
Die Ein­heits­ver­fas­sung stösst je­doch auf Wi­der­stand. Ver­fech­ter des Ein­heits­s­taats ste­hen den Be­für­wor­tern eines fö­de­ra­lis­ti­schen Mo­dells ge­gen­über. Kei­nes der bei­den Lager kann sich durch­set­zen. Zwi­schen 1798 bis 1802 kommt es zu vier Staats­s­trei­chen gegen die Hel­ve­ti­sche Re­gie­rung. 1802 dik­tiert Na­po­le­on die so­ge­nann­te Me­dia­ti­ons­ak­te. Diese ent­hält die Bun­des­ver­fas­sung sowie die Ver­fas­sun­gen der Kan­to­ne. Die neuen Ver­fas­sun­gen und die Prä­senz fran­zö­si­scher Trup­pen ver­mö­gen die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on zu sta­bi­li­sie­ren. Nach dem Russ­land-Feld­zug schwin­det der fran­zö­si­sche Ein­fluss. Es kommt zu Strei­te­rei­en über die Ver­fas­sung und den Sta­tus der Un­ter­ta­nen­ge­bie­te. In der so­ge­nann­ten Re­stau­ra­ti­on von 1815 bis 1848 keh­ren viele Kan­to­ne zur alten Ord­nung zu­rück; sie be­hält je­doch Neu­e­run­gen aus der Hel­ve­ti­schen Re­pu­blik bei.
Der Einfluss auf die Taubstummenbildung
Für die Schu­lung der Ge­hör­lo­sen setzt die kurz­le­bi­ge Hel­ve­ti­sche Re­pu­blik (1798-1803) einen ers­ten Mei­len­stein. Phil­ipp Al­bert Stap­fer (1776-1840), in der Hel­ve­ti­schen Re­pu­blik Mi­nis­ter der Küns­te und der Wis­sen­schaf­ten, führt eine Taub­stum­men­zäh­lung durch. Stap­fer will die bis­he­ri­gen Er­fah­run­gen in der Taub­stum­men­bil­dung und die An­zahl der Taub­stum­men er­he­ben. Auch das Fern­ziel einer Taub­stum­me­n­an­stalt seht im Rund­schrei­ben. Wegen der krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen und den Ver­fas­sungs­kämp­fen ist wäh­rend der Hel­ve­tik an eine Taub­stum­men­bil­dung nicht zu den­ken. Zudem geben viele Kan­to­ne nur ver­spä­tet oder un­voll­stän­dig eine Rü­ck­mel­dung. Stap­fers Ziel eines na­ti­o­na­len Taub­stum­men-In­sti­tuts bleibt er­folg­los und ver­san­det.
Die Stap­fer­sche Zäh­lung wird je­doch zur Vor­la­ge, um spä­ter in den ver­schie­de­nen Kan­to­nen Taub­stum­men-An­stal­ten ein­zu­rich­ten. Stap­fer wird etwa auf Zu­schrif­ten der «Lit­te­ra­ri­schen Ge­sell­schaft» in Lu­zern aktiv. In der «Lit­te­ra­ri­schen Ge­sell­schaft» sit­zen zudem pro­mi­nen­te Per­sön­lich­kei­ten wie Hein­rich Zschok­ke (1771-1848), die die Taub­stum­men­bil­dung aktiv vor­an­trei­ben. Das wich­tigs­te In­stru­ment ist je­doch die Taub­stum­men­zäh­lung selbst. Sie lie­fert erst den Über­blick über die An­zahl taub­stum­mer Per­so­nen im schul­fä­hi­gen Alter, die das Ein­rich­ten einer Taub­stum­men-An­stalt recht­fer­ti­gen.
Im Kan­ton Zü­rich lässt sich die­ses Mus­ter eben­falls be­ob­ach­ten. Aus der «Zür­cher Hülfs­ge­sell­schaft» her­aus ent­steht die Idee, eine Taub­stum­men-An­stalt zu grün­den. Trei­ben­de Kraft hin­ter der Taub­stum­men-Schu­lung ist der Prä­si­dent der Zür­cher Hülfs­ge­sell­schaft», der Stadt­a­rzt Jo­hann Cas­par Hir­zel (1751-1817). Be­reits mit dem Auf­bau einer Blin­de­n­an­stalt in Zü­rich be­schäf­tigt, ver­an­lasst er 1808 eine erste kan­tons­wei­te Taub­stum­men­zäh­lung. Hir­zel er­lebt die Er­wei­te­rung der Taub­stum­me­n­an­stalt nicht mehr, für die er sich stark ein­ge­setzt hat.

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