Internatsleben
Eisferien 1929
Den gehörlosen Schülern kann es im Januar 1929 nicht kalt genug sein. Sie stehen täglich am Thermometer und verkündigen jubelnd die Minusgrade. Doch ein kalter Nordwind und die Dampfschiffe verhindern eine Eisschicht auf dem See – sehr zum Missfallen der gehörlosen Kinder. Im Februar ist es endlich so weit. Natürlich müssen die Lehrer mit ihren Schülern an den See hinunter und der Eisbildung zuschauen. Als das Eis endlich freigegeben ist, gibt es kein Halten mehr – und für die Schüler:innen mehrmals «Eisferien». Schüler und Lehrer überqueren den See nach Tiefenbrunnen, Zollikon, Goldach und wieder zurück.
Einige können jedoch nicht genug bekommen. Der gehörlose Kurt Exer macht an einem Sonntag den Vorschlag, mit Schlittschuhen über den gefrorenen See zu fahren. Gehörlosenlehrer Esenwein (1864–1940) – der gute Mann ist damals 65 Jahre alt und steht kurz vor seiner Pensionierung – will kein Spielverderber sein. Und so ziehen Esenwein, Exer und eine weitere nicht namentlich genannte Person los.
Esenwein vermag das stattliche Tempo der beiden «jungen Leute» mitzuhalten, und so erreichen die drei bald Stäfa. Von dort fahren die Sportler nach Rapperswil, wo sie eine Rast einlegen und sich an einem fliegenden Imbissstand verpflegen. Anschliessend geht es wieder zurück nach Zürich. Die «Seeumrundung» absolvieren Esenwein und seine Begleiter an einem Nachmittag und fühlen sich am Ende der Tour überhaupt nicht müde. Doch büssen müssen sie am anderen Tag trotzdem – mit einem zünftigen Muskelkater.
Ein Ausflug aufs Eis
Auch im Winter 1962 und 1963 ist es im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt – der Zürichsee friert erneut vollständig zu. Alt und Jung zieht es auf die natürliche Eisbahn. Es gibt genug Platz zum Schlittschuhlaufen und Eishockeyspielen. Auch die Gehörlosenschule macht mit. Am 30. Januar – zwei Tage bevor die Wasserpolizei die Eisfläche offiziell freigibt – organisiert die Schule einen Ausflug über den Zürichsee. Das besondere Ereignis findet sogar Eintrag in die Jahreschronik. Weitere Details sind dem Jahresbericht von 1963 jedoch nicht zu entnehmen.
Auch wenn sich die Gehörlosenschule ab den 1960er Jahren zunehmend von ihrer Rolle als «Elternersatz» distanzieren: Die Episoden zeigen, dass die Gehörlosenschule eine wichtige Bedeutung in der Biografie von Gehörlosen einnimmt. Ab den 1960er Jahren dürfen die internen Schüler:innen an den Wochenenden zwar nach Hause zurückkehren. Dennoch bleiben sie drei Viertel des Jahres in der Gehörlosenschule. Und so erleben sie in der Gehörlosenschule bedeutsame Ereignisse wie die Seegfrörni.
1992
Die SMS
„Merry Christmas“: Zwei Worte, länger war die erste SMS 1992 nicht. Und doch der Anfang von etwas Grossem. Mit einer Begrenzung von 160 Zeichen entstand plötzlich eine ganz neue Sprache zwischen Abkürzungen, Emojis und «cu l8r».
Gehörlosen-Führerschein
Der häufig zitierte Ausspruch «väterlicher Freund» ist bei Gehörlosenlehrer Esenwein zutreffend. Er ist nicht nur Lehrer, sondern auch Bezugsperson und Lebensberater. Es ist eine Rolle, die Gehörlosenlehrer mindestens bis in die 1950er Jahren im Leben der Gehörlosen einnehmen. Zwar empfinden dies viele Gehörlose zunehmend als bevormundend. Das ist mit ein Grund, weshalb ab Ende des 19. Jahrhundert Gehörlosenvereine entstehen. Und doch sind sie darauf angewiesen, dass gerade die «bevormundenden» Fachpersonen sich für sie einsetzen: Zum Beispiel beim Autofahren.
1947 geht ein jahrzehntelanger Kampf in Erfüllung. Gehörlose dürfen den Führerschein machen, jedoch nur während einer fünfjährigen Versuchsphase. Auswählen muss diese Personen ausgerechnet Direktor Walter Kunz. Es ist ein grosser Druck für Kunz: Scheitern die von ihm ausgewählten Personen, wäre es das gewesen mit dem Führerschein für Gehörlose. Die ersten Kandidaten bestehen glänzend.
Weitere Gehörlose melden sich während der Versuchsphase, damit Kunz ihnen eine Empfehlung für das Strassenverkehrsamt schreibt. Und Kunz muss weiterhin genau prüfen und wählen. Denn solange die Versuchsphase dauert, darf nichts die Statistik ruinieren: Kein Trinker, kein Schwachbegabter, kein Haltloser, wie er es selbst formuliert.
Gehörlosenschulen sind Familiensache
Wichtig ist die Gehörlosenschule in der Biografie der Gehörlosen auch wegen der Gebärdensprache. Einerseits können die Gehörlosenlehrer im ersten Lautierunterricht nicht auf die Gebärden verzichten. Wie sonst sollten die gehörlosen Kinder denn die Lehrer verstehen? Schliesslich treten 1933 die gehörlosen Kinder bereits mit vier Jahren in den Kindergarten der Gehörlosenschule ein.
Andererseits lässt sich die Gebärdensprache auch nicht mit den hartnäckigsten Versuchen aus den Schulen entfernen. Obwohl offiziell verboten, wird auch unter den oralistisch geprägten Gehörlosenlehrer im Versteckten gebärdet. Gewissermassen auf dem Pausenplatz lebt die Gebärdensprache weiter. Die gehörlosen Schüler:innen erleben sich die Gehörlosen in der Gehörlosenschule erstmals als Gemeinschaft.
Die Gehörlosenschulen sind noch aus einem weiteren Grund Familiensache: Gehörlose Geschwister gibt es häufig in der Anstalt, so etwa die Geschwister Ernst Mülli (1894–1980) und Elisa Mülli (1889–1982). Elise besucht die damalige Blinden- und Taubstummenanstalt von 1898 bis 1905, Ernst von 1902 bis 1910. Sie sind beide unzertrennlich, wie Direktor Gottlieb Ringli in der Würdigung zum 40-Jahr-Jubiläum in der Gehörlosenzeitung schreibt.
Und Walter Kunz ergänzt in seinen Erinnerungen zum Geschwisterpaar: «Sie war recht intelligent und befahl gerne; er besass gesunden Menschenverstand und hörte auf sie. Sie umsorgte ihn wie eine Mutter, achtete auf seine Gesundheit und auf seine Finanzen».
Den Müllis werden noch weitere Geschwister folgen. Und auch «Familiendynastien» lassen sich nachweisen: Haben ehemalige Schüler:innen Kinder, treten diese oft ebenfalls in die Gehörlosenschule ein.
Und so sind die Gehörlosenschulen auch heute fast eine Familie. Ob man sie hasst oder liebt, kritisch betrachtet oder verehrt – Familie lässt sich nicht aussuchen, weder im übertragenen noch im wörtlichen Sinne.