Gehörlose Mitarbeitende
Heinzelmännchen
Ob «Taubstummenanstalt», «Gehörlosenschule» oder «Zentrum für Gehör und Sprache» - an diesem Ort werden nicht nur gehörlose Kinder ausgebildet. Es braucht in verschiedenen Bereichen Mitarbeitende, um den Betrieb am Laufen zu halten.
Unter dieser «Heinzelmännchen» befinden sich auch Gehörlose. Ihre Spur lässt sich weit in die Vergangenheit zurückverfolgen. Die Geschwister Mülli sind ehemalige Zöglinge der damaligen Blinden- und Taubstummenanstalt. Sie dienen über 40 Jahre lang als Hausangestellte an ihrem ehemaligen Schulort: Elise Mülli (1889–1982) von 1915 bis 1956 als Näherin, Ernst Mülli (1894–1980) von 1918 bis 1961 als Gärtner.
Wobei das Wort «Arbeiten» vor allem bei Ernst Mülli nicht recht zutrifft. Dienst nach Vorschrift ist nicht seine Sache. Der Rundgang jeden Abend durch die Anstalt, ob auch alles in Ordnung ist, gehört zum Pflichtprogramm. Zu Ferien muss man ihn überreden. Und wenn er doch in die Ferien fährt, merkt man es sofort: Die Lichter in der Anstalt bleiben brennen, die Türen sind nicht zugesperrt, die Fenster stehen offen.
Johann «Hans» Ritter
Der Nachfolger von Hans Mülli ist Johann «Hans» Ritter (1918–1997), Gärtner in der Anstalt von 1962 bis 1984. Ritter ist ebenfalls ein ehemaliger Schüler der damaligen Blinden- und Taubstummenanstalt. Er tritt 1925 als Schüler unter Direktor Johannes Hepp (1879–1963) ein. Ritter wird Gemüsegärtner, ein damals typischer Beruf für einen Gehörlosen. Es müssen harte Jahre gewesen sein: Arbeiten von früh bis spät, 6-Tage-Woche und erst noch Dienst am Sonntag. Trotz des hohen Pensums verdient Johann Ritter wenig.
1962 wechselt er an die Gehörlosenschule. Das harte Arbeitsethos kann er nie ablegen. Ritter fühlt sich verpflichtet, bis zur Erschöpfung zu arbeiten. Ihn zur Ablösung, Entlastung oder sogar Ferien zu bewegen, ist nicht einfach. Zu Ritters Glück löst sich das Arbeitsproblem etwas von selbst. Mit den Neubauten, die z.B. mit der Turnhalle, die von 1967 bis 1984 entsteht, wird sein Arbeitsgebiet als Gärtner kleiner.
Die neuen Hausmeister
Als Ritters Nachfolger braucht es keinen Gärtner mehr. Nun sucht man einen Hausmeister. Und das wird zu einem Problem für die Gehörlosen. Was passiert zum Beispiel, wenn der Alarm losgeht? Denn der Hauswart muss einen «Fehlalarm» ausschalten können. Geht das mit einem gehörlosen Hauswart? Diese Frage muss Direktor Gottfried Ringli und sein Nachfolger Jan Keller entscheiden, als sie 1990 einen Hauswart suchen. Unter den Bewerbern ist auch der gehörlose Kari Schwab, der sich gegen hörende Bewerber durchsetzt.
Es kommt nun zu kleinen, aber entscheidenden Anpassungen, die den Alltag erleichtern. So ist der Alarm nicht nur hörbar, sondern als «Blinklicht» auch sichtbar. Dies hilft ebensoh den gehörlosen Schüler:innen. Aus einer Anpassung wird demnach ein Mehrwert. Damit kann die Gehörlosenschule mit gutem Gewissen mit Salvatore «Toto» Cicala einen weiteren gehörlosen Hauswart anstellen. Mit diesen beiden Mitarbeitern setzt die Gehörlosenschule ihre Tradition fort, ehemalige Schüler:innen als Mitarbeitende anzustellen. Auch Cicala und Schmid drückten damals in der Taubstummenschule die Schulbank.
1995
Der Pager
Ein kurzer Piepton und man weiss: Jetzt wird’s ernst. Der Pager, benannt nach den Hotelpagen, die früher Gäste zum Telefon brachten, macht genau das mobil. Besonders bei Ärzt:innen wird das Piepen zum Signal, dass man gebraucht wird – in den 90ern aber auch zum kleinen Statussymbol.
Marie Weisshaupt
Ehemalige Schüler:innen arbeiten auch als Lehrkräfte an der Blinden- und Taubstummenanstalt. Es sind jedoch vorerst blinde ehemalige Schüler:innen, welche die Anstalt anstellt. Die blinde Marie Weisshaupt ist von 1892–1898 Schülerin in der Blindenanstalt. Anschliessend arbeitet sie zuerst in der Küche und absolviert einen einjährigen Kurs als Kindergärtnerin. Ab 1904 ist sie in der Anstalt stundenweise angestellt. Von 1915 bis zur Schliessung der Blindenabteilung führt sie eine Unterklasse.
Der sehschwache Schüler Walter Dubs besucht die Blindenanstalt 1899–1907; von 1916–1941 erteilt er Klavierstunden und Unterricht in Punkt-Musikschrift und Musiktheorie. Gehörlose Lehrer sucht man in der Gehörlosenschule lange vergeblich. Ausgerechnet die Gehörlosenschule, die mit dem damaligen Vorsteher Schibel Vorreiterin des Oralismus gewesen ist, führt die bilinguale Schulung ein. In dieser Funktion als gebärdensprach-kompetente Lehrpersonen finden die Gehörlosen ein neues Betätigungsfeld.
Was hat sich für gehörlose Mitarbeitende seit den Geschwistern Müllis geändert? Gehörlose Mitarbeiter wie Salvatore «Tito» Cicala bleiben ebenfalls lange dem Zentrum für Gehör und Sprache treu. Auch die Gehörlosengemeinschaft und die Gehörlosengemeinde dürften heute noch bei gehörlosen Mitarbeiter:innen eine wichtige Rolle spielen.
Und doch gibt es zentrale Unterschiede: Die heutigen gehörlosen Mitarbeitenden sind in der Regel besser ausgebildet als Gehörlose vor 100 Jahren. Dank der Sek3 oder der Berufsschule für Hörgeschädigte können Gehörlose anspruchsvolle Berufe erlernen und sogar die Berufsmaturität erwerben. Damit profitieren sie von der kühnen Idee Johannes Hepps, der diese Institution genau mit diesem Ziel gegründet hat.
Generationenwechsel
Dass die Gebärdensprache erst den beruflichen Erfolg ermöglicht, ist ein weiterer Unterschied zu gehörlosen Mitarbeitenden wie den Müllis oder Hans Ritter. Ritter wird noch beigebracht, dass nur die Lautsprache zum beruflichen Erfolg führt. Dementsprechend stolz ist er auf seine Lautsprache und die hervorragende Absehkompetenz. Es braucht den Generationenwechsel in den 1980er Jahren, um die Gebärdensprache als leistungsfähiges Sprachsystem zu etablieren. Es sind die gehörlosen und gebärdenden Mitarbeitenden der «neuen Generation», die dem heutigen Zentrum für Gehör und Sprache ein Gesicht geben – und als Vorbild für die gehörlosen Schülerinnen und Schülern dienen.