Ignaz Thomas Scherr (1801–1870)
Frühe Jahre und Bildung
Ignaz Scherr kommt am 15. Dezember 1801 in einem Dorf südlich von Stuttgart, Deutschland, zur Welt. Während seiner Schulzeit werden seine Intelligenz und Begabungen entdeckt. Er bekommt zusätzlichen privaten Unterricht in Latein und Griechisch sowie in Französisch und Musik.
1818–1825
Sein Vater war Lehrer. Mit 14 Jahren hilft Ignaz ihm in der Schulstube beim Unterricht. Ignaz beginnt das Gymnasium, muss es aber abbrechen, weil sein Vater diese Ausbildung nicht mehr finanzieren kann. Wieder zu Hause muss er mithelfen, Geld zu verdienen.
Ignaz begegnet 1818 Johann Leonard. Er war der Vorsteher (Leiter) der Taubstummenschule in Gmünd, Deutschland. Er ermutigt Scherr, seine Studien auf einem anderen Weg fortzusetzen.
1821 arbeitet Scherr in der Taubstummenanstalt Gmünd und legt 1822 seine Prüfung als Taubstummenlehrer ab. 1825 wird Scherr als Leiter der Blindenanstalt in Zürich gewählt. Damals gab es noch keine Taubstummenanstalt in Zürich. Scherr macht sich zu Fuss auf den Weg von Gmünd nach Zürich.
1826–1832
1826 nimmt die Blindenanstalt zur Probe einen taubstummen Knaben auf, Ulrich Steffen. Zuvor muss Scherr noch Bedenken zerstreuen, ob taubstumme und blinde Kinder tatsächlich nebeneinander unterrichtet werden können. Scherr hat solche Fragen schon in Gmünd erlebt und kann die Bedenken entkräften.
Weil Steffen seine Prüfung erfolgreich besteht, darf Scherr weitere taubstumme Kinder aufnehmen.
Dies ist die Grundlage für die erweiterte Blinden- und Taubstummenanstalt in Zürich. Scherr ist nicht mit allen Unterrichtsbedingungen zufrieden. In seiner kurzen Zeit gelingt es ihm, den Unterricht qualitativ zu verbessern. So erhält Scherr u. a. ein eigenes Arbeitszimmer und schafft Gegenstände für den Unterricht an.
Integration und persönlicher Wandel
Scherr bleibt bis 1832 in der Taubstummenanstalt. Während seiner Zeit als Vorsteher integriert sich Scherr in die Zürcher Gesellschaft. Er wohnt nicht mehr in der Taubstummenanstalt, sondern nimmt sich eine separate Wohnung.
1831 wird für ihn ein wichtiges Jahr. Er heiratet, gleichzeitig tritt der gebürtige Katholik in die reformierte Kirche ein. Er erhält das Gemeindebürgerrecht der Gemeinde Stadel und das Kantonsbürgerrecht. Scherr wird 1832 Direktor des Lehrerseminars in Küsnacht. Er arbeitet viel und gut. Doch Scherr macht sich mit seiner Arbeitsweise und seinen Reformen Feinde.
1800er
Die Hörrohrtrompete
Die ersten Hörhilfen haben wenig mit Technik zu tun: grosse Trichter, die Schall einfach ins Ohr leiten sollen. Im 19. Jahrhundert werden diese Hörrohrtrompeten immer kunstvoller gestaltet. Aber nicht nur um besser zu hören, sondern auch um Schwerhörigkeit möglichst zu kaschieren. Hörhilfe, ja, aber bitte, ohne dass sie sofort als solche auffällt.
1839–1855
1839 verliert er nach dem sogenannten Züriputsch seine Stellung. 1843 zieht Scherr in den Kanton Thurgau nach Emmishofen. Er unterrichtet privat weiterhin taubstumme Zöglinge, übernimmt jedoch auch politische Ämter. Er wird 1849 in den thurgauischen Erziehungsrat gewählt, von 1852–1855 sitzt er im Verfassungsrat des Kantons Thurgau. Zudem arbeitet Scherr als Redaktor für verschiedene Zeitungen.
Scherr, mittlerweile mehrfacher Grossvater vor allem von Mädchen, setzt sich nun auch zunehmend für Mädchenbildung ein. Zu Scherrs wichtigen privaten Bezugspersonen gehört Babette Steinmann, die spätere Gründerin der Taubstummenanstalt St. Gallen.
Babette Steinmann hat einen gehörlosen und geistig behinderten Bruder Kaspar. In alten Quellen wird diese Behinderung «kretin» genannt. Scherr betreut Kaspar eine Zeit lang in seinem Haus. Babette Steinmann wird zu einer sehr guten Freundin von Scherr und seiner ersten Frau.
Steinmann erfährt sofort von wichtigen Ereignissen der Familie Scherr. Als Scherrs erste Frau 1840 stirbt, ist Steinmann eine wichtige Stütze für ihn. Sie verkuppelt ihn zudem mit Scherrs zweiter Frau. Steinmann und Scherr haben ausserdem eine weitere Gemeinsamkeit: Beide werden früh schwerhörig.
1870
Privat muss Scherr einige Schicksalsschläge hinnehmen. Noch in seiner Zeit in der Taubstummenanstalt stirbt 1828 Scherrs geliebter Bruder August. Mehrere Kinder von Scherr sterben kurz nach der Geburt. Auch seine Frau Anna stirbt bereits 1840, wenige Jahre nach der Heirat. Scherr heiratet 1844 erneut. Scherr stirbt 1870 in Emmishofen. Er ist in Tägerwilen beerdigt.
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Quellen:
Gertrud Wyrsch-Ineichen (1986). Ignaz Thomas Scherr und das Normal-, Taubstummen- und Blindenschulwesen seiner Zeit bis 1832. Diss.
Ignaz Thomas Scherr – Wikipedia
Historisches Lexikon, Artikel Scherr, Ignaz Thomas