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40 Jahre APD

Integration
Ab 1979 ver­zeich­net die Ge­hör­lo­sen­schu­le einen deut­li­chen Rü­ck­gang der Schü­ler­zah­len. Zwar wird im Jah­res­be­richt der Kan­to­na­len Ge­hör­lo­sen­schu­le von 1986 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Schü­ler­zah­len stark schwan­ken. Auf die sehr hohen Schü­ler­zah­len der 1970er Jahre folgt nun die Kor­rek­tur in den 1980er Jah­ren. Dafür spricht, dass das star­ke Be­völ­ke­rungs­wachs­tum der Nach­kriegs­jah­re nun end­gül­tig ge­stoppt ist. Auch ge­än­der­te Rah­men­be­din­gun­gen bei der Kos­ten­über­nah­me von Heim­kin­dern sorgt dafür, dass aus­wär­ti­ge Kin­der nicht mehr in Zü­rich ge­schult wer­den.
Als ge­wich­ti­ger Grund wer­den je­doch auch die Hör­ge­rä­te­ver­sor­gung und die In­te­gra­ti­on von ge­hör­lo­sen und schwer­hö­ri­gen Kin­dern in die Volks­schu­le ge­nannt. Es ist ein Trend, der aus Sicht der Ge­hör­lo­sen­schu­le wei­ter­ge­hen und sich sogar ver­stär­ken wird. Je nach Quel­le wird 1986 die Zahl in­te­griert ge­schul­ter Kin­der in der Volks­schu­le auf 150 - 170 Schü­ler:innen ge­schätzt. In die Ge­hör­lo­sen­schu­le tre­ten je­doch deut­lich we­ni­ger Kin­der ein.
Der Wunsch nach einer in­te­grier­ten Schu­lung am Wohn­ort ist aus Sicht der Ge­hör­lo­sen­schu­le zwar ver­ständ­lich. So muss das ge­hör­lo­se oder schwer­hö­ri­ge Kind nicht mehr in ein In­ter­nat ein­tre­ten. Trotz­dem gibt es auf Sei­ten der Ge­hör­lo­sen­leh­rer bei der In­te­gra­ti­on Be­den­ken. Denn eine In­te­gra­ti­on ge­lingt nur, wenn das Kind Sprach­the­ra­pie und Stüt­zun­ter­richt er­hält.
Neue Wege der Förderung
Auf diese Her­aus­for­de­run­gen re­a­giert die Ge­hör­lo­sen­schu­le 1986 mit zwei neuen An­ge­bo­ten: mit der Schaf­fung der «Au­dio­päd­ago­gi­schen Diens­te (APD)» und dem «Am­bu­lan­ten Dienst für in­te­griert ge­schul­te hör­ge­schä­dig­te Kin­der». Der Am­bu­lan­te Dienst wird je­doch be­reits 1988 in «Kan­to­na­le Be­ra­tungs­stel­le für hör­ge­schä­dig­te Kin­der in der Volks­schu­le» um­be­nannt. Die El­tern re­a­gie­ren be­frem­det dar­auf, dass der Am­bu­lan­te Dienst bei der Ge­hör­lo­sen­schu­le an­ge­sie­delt ist.
Zwi­schen dem APD und der Kan­to­na­len Be­ra­tungs­stel­le gibt es zu Be­ginn eine Ar­beits­tei­lung. Der APD ist vor­wie­gend in der Früh­för­de­rung, der ers­ten Hör­ge­rä­te­ver­sor­gung und der Be­ra­tung von El­tern von ge­hör­lo­sen oder schwer­hö­ri­gen Klein­kin­dern aktiv. Die Kan­to­na­le Be­ra­tungs­stel­le kon­zen­triert sich auf die Be­treu­ung des hör­be­ein­träch­ti­gen Kin­des in der Volks­schu­le und auf die Be­ra­tung von Lehr­per­so­nen.
Die erste und ein­zi­ge Mit­a­r­bei­te­rin des APD, Doris Lube, star­tet 1986 mit einer 50%-An­stel­lung. Be­reits für das Schul­jahr 1987/1988 muss die Stel­le auf 100% er­höht wer­den, um den wach­sen­den Be­dürf­nis­sen ge­recht zu wer­den. Die ge­ziel­te In­for­ma­ti­ons­po­li­tik von Hör­be­hin­der­ten­or­ga­ni­sa­ti­o­nen wie dem Schwei­ze­ri­schen Ge­hör­lo­sen­bund (SGB, heute sgb-fss) oder der «Schwei­ze­ri­schen Ver­ei­ni­gung der El­tern hör­ge­schä­dig­ter Kin­der» (SVEHK) ma­chen den APD be­kannt. Doch eine War­te­lis­te soll es mög­lichst nicht geben. Beim Spra­ch­er­werb spielt der Zeit­fak­tor eine gros­se Rolle.
Ob in der Auf­bau­pha­se oder im eta­blier­ten Be­trieb: Die viel­fäl­ti­gen Tä­tig­kei­ten blei­ben. Den Über­blick zu be­hal­ten, bleibt Chri­s­to­pher Schnorf als gröss­te Her­aus­for­de­rung in Er­in­ne­rung. Chri­s­to­pher Schnorf ar­bei­te­te als Au­dio­päd­ago­gi­scher Be­ra­ter von 2003 bis 2020 beim APD und be­treu­te viele Kli­en­ten und ihre Sys­te­me. «Es galt, nie­man­den zu ver­ges­sen und alles im Auge zu be­hal­ten,» wie er sagt. Im Rü­ck­blick sieht Chri­s­to­pher Schnorf je­doch die Wei­ter­ent­wick­lung der Tech­nik, ins­be­son­de­re der FM-Sys­te­me und der Coch­lea Im­plan­ta­te, als die gröss­te Ver­än­de­rung. Da­durch kön­nen nun auch Kin­der in die Volks­schu­le ein­tre­ten, die vor­her in einer Son­der­schu­le hät­ten plat­ziert wer­den müs­sen.
Technik eröffnet neue Möglichkeiten
Als be­son­ders ein­schnei­dend er­leb­te Chri­s­to­pher Schnorf den Na­ti­o­na­len Fi­nanz­aus­gleich, der 2008 in Kraft tritt. Mit die­sem Fi­nan­z­in­stru­ment wech­seln die Kos­ten des APD von der IV zu den Ge­mein­den. Die Recht­fer­ti­gung für die hohen Kos­ten war und bleibt aus der Sicht von Chri­s­to­pher Schnorf eine Her­aus­for­de­rung. Trotz der vie­len Her­aus­for­de­run­gen sieht er seine Ar­beit beim APD als Pri­vi­leg. Er habe viel Ge­stal­tungs­frei­heit er­hal­ten und sehr selb­stän­dig ar­bei­ten kön­nen. Die Ar­beit im Team sei sehr wert­voll ge­we­sen und habe ihm viel be­deu­tet.
Der gros­se Rück­halt im Team schätzt auch Do­ri­na Wai­bel. Die Si­tua­ti­on der be­treu­ten Kin­der und Ju­gend­li­chen ist sehr un­ter­schied­lich. Des­halb hilft es ihr, Vor­gän­ge mit an­de­ren zu be­spre­chen. So er­hält sie neue Ideen für Be­ra­tungs- oder Hand­lungs­an­sät­ze. Do­ri­na Wai­bel ar­bei­tet als Au­dio­päd­ago­gi­sche Be­ra­te­rin seit 2002 beim APD. Sie hat sich ur­sprüng­lich auf eine an­de­re Stel­le beim ZGSZ be­wor­ben, sich je­doch auf Emp­feh­lung den APD an­ge­se­hen – und ist der Ab­tei­lung bis heute treu ge­blie­ben. Wie Chri­s­to­pher Schnorf sieht sie den tech­ni­schen Wan­del eben­falls als gröss­te Ver­än­de­rung in den letz­ten 20 Jah­ren. Sie zählt dazu nicht nur die Ent­wick­lung der Hör­ge­rä­te. Auch die neus­ten Mög­lich­kei­ten mit APP oder Strea­ming haben sich ra­sant ver­än­dert. Dora Wai­bel sieht es als Teil ihrer Ar­beit, bei die­sen Wei­ter­ent­wick­lun­gen à jour zu blei­ben. Wei­ter­bil­dun­gen und der Aus­tausch im Team hel­fen ihr dabei.
Die Zukunft des APD
So­wohl in der Ver­gan­gen­heit als auch in der Ge­gen­wart: Die Ar­beit beim APD wird her­aus­for­dernd blei­ben. Fahr­ten in den Kan­ton Schwyz, ins Säu­liamt, Aus­tausch mit der Klas­sen­lehr­per­son, Be­ob­ach­ten der Hör­si­tua­ti­on und Ge­sprä­che mit einer Schü­le­rin mit Fokus auf die Be­rufs­wahl– dies sind nur ein­zel­ne Tä­tig­kei­ten aus einem ein­zi­gen Monat von Do­ri­na Wai­bel. Sie geht davon aus, dass die Tech­nik sich lau­fend stark wei­ter­ent­wi­ckeln wird. Zudem muss sich der APD der Schul­ent­wick­lung an­pas­sen. Wohin dies führt, ist schwie­rig vor­aus­zu­se­hen. Doch eines scheint ge­wiss: Den APD wird es wei­ter­hin brau­chen – jetzt und in der Zu­kunft.

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