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Anstaltsfamilie

Arbeit, Ordnung und Erziehung
Das 19. Jahr­hun­dert gilt als An­stalts­jahr­hun­dert. Der stra­fen­de oder ver­sor­gen­de Cha­rak­ter, der seit dem Mit­tel­al­ter die An­stalt de­fi­niert, tritt zu­neh­mend in den Hin­ter­grund.
Vor­bild für diese neue Art der An­stalt sind die Mus­ter­an­stal­ten von Jo­hann Hein­rich Pes­ta­loz­zi in Birr (AG) oder von Phil­ipp Ema­nu­el Fel­len­berg in Hof­wil bei Mün­chen­buch­see (BE). Nicht mehr durch Stra­fen, son­dern durch Er­zie­hung sol­len die Zög­lin­ge – so heis­sen die Be­woh­ner:innen der An­stalt – zu nütz­li­chen Mit­glie­dern der Ge­sell­schaft wer­den.
Durch die Mit­a­r­beit im an­stalts­ei­ge­nen Land­wirt­schafts­be­trieb sol­len die Zög­lin­ge spä­ter selb­stän­dig ihren Le­bens­un­ter­halt be­strei­ten kön­nen. Die Fa­mi­lie gilt als Ideal der An­stalts­ge­mein­schaft. Viele neu ge­grün­de­te An­stal­ten im 19. Jahr­hun­dert de­cken ein neues Be­dürf­nis ab und haben eine pri­va­te Trä­ger­schaft.
Gründung der Blindenanstalt Zürich
Die Blin­de­n­an­stalt der Stadt Zü­rich gilt als Vor­gän­ge­rin des heu­ti­gen Zen­trums für Gehör und Spra­che. Sie wurde 1809 ge­grün­det. Dass für den Un­ter­richt von blin­den Per­so­nen – da­mals wur­den auch er­wach­se­ne Blin­de auf­ge­nom­men – an eine An­stalt ge­dacht wurde, ist des­halb nicht ver­wun­der­lich. Die Blin­de­n­an­stalt – und spä­ter auch die an­ge­glie­der­te Taub­stum­me­n­an­stalt – ent­hält viele Ele­men­te des neuen An­stalt­s­ide­als.
Zum einen ist dies die pri­va­te Trä­ger­schaft. Die Blin­de­n­an­stalt geht auf die Hülfs­ge­sell­schaft Zü­rich zu­rück. Nach dem Ein­marsch der Fran­zo­sen in Zü­rich im Jahr 1798 lei­det die Be­völ­ke­rung unter den Fol­gen der Kriegs­wir­ren. Ein­fluss­rei­che Zür­cher Män­ner schlies­sen sich 1799 zur Hülfs­ge­sell­schaft zu­sam­men, um die Not in der Be­völ­ke­rung zu lin­dern.
Bald schon rich­tet sich der Blick von Mit­grün­der und Stadt­a­rzt Jo­hann Cas­par Hir­zel auf eine wei­te­re ver­nach­läs­sig­te Grup­pe: Die Blin­den und Taub­stum­men. Wäh­rend die Blin­den in ver­hält­nis­mäs­sig kur­z­er Zeit eine ei­ge­ne In­sti­tu­ti­on für ihre Schu­lung er­hal­ten, müs­sen die Taub­stum­men noch rund 20 wei­te­re Jahre war­ten.
Zum an­de­ren lebt die Blin­den- und vor allem die 1826 an­ge­glie­der­te Taub­stum­men-An­stalt dem Fa­mi­lie­n­ide­al stark nach. An­stalts­mit­a­r­bei­ten­de und Zög­lin­ge ver­ste­hen sich als fa­mi­li­en­ähn­li­che Ge­mein­schaft. Dies zeigt sich etwa auf den Fotos von Eugen Su­ter­meis­ter, in denen er die ehe­ma­li­gen und ak­tu­el­len Zög­lin­ge in ihrer An­stalt fo­to­gra­fiert. Durch­ge­hend steht als Bild­le­gen­de «An­stalts­fa­mi­lie».
Das Telegramm

1837

Das Telegramm
1837 geht die erste Nach­richt per Te­le­graf raus. Schnel­ler als jeder Brief und ein klei­ner Vor­ge­schmack auf das, was spä­ter das In­ter­net wird. Pri­va­te Te­le­fo­ne? Da­mals noch Fehl­an­zei­ge. Aber Sa­mu­el Morse legt mit sei­nem Code den Grund­stein dafür, dass Kom­mu­ni­ka­ti­on plötz­lich Tempo be­kommt.
Das Familienbild
Noch in einem wei­te­ren Punkt zeigt sich das Fa­mi­lie­n­ide­al. Dass die Lei­tung ein Ehe­paar über­nimmt, ist unter Zeit­ge­nos­sen un­um­strit­ten. Das Fa­mi­li­en­bild spie­gelt sich auch im «An­stalts­jar­gon». Die Lei­tung über­nimmt das Vor­ste­her­paar, aus dem Di­rek­tor oder Lei­ter wird der «Heim­va­ter» und aus des­sen Ehe­frau die «Heim­mut­ter». Die Wohn­sitz­pflicht des Heim­lei­ter­paars ver­stärkt die­ses Ge­fühl. Wie in der Fa­mi­lie sind «Papa» und «Mama» täg­lich prä­sent.
Es gibt je­doch auch die Mei­nung, dass die Be­zeich­nun­gen «Mama» und «Papa» dem Taub­stum­men­un­ter­richt ge­schul­det sind. «Mama» und «Papa» ge­hö­ren zu den ers­ten Wor­ten, die taub­stum­me Kin­der im Ar­ti­ku­la­ti­ons­un­ter­richt er­ler­nen. Die Be­grif­fe «Vor­ste­he­rin» oder «Di­rek­tor» dürf­ten je­doch wohl eher nicht zum ers­ten Wort­s­chatz der Laut­spra­che ge­hö­ren.
Wie stark die­ses Ideal auch in den Köp­fen von Fach­per­so­nen ver­an­kert ist, zeigt sich an Vor­ste­her Georg Schi­bel. Schi­bel lei­tet als Jung­ge­sel­le 60 Jahre die Blin­den- und Taub­stum­men-An­stalt. Den Ent­scheid Schi­bels, nicht zu hei­ra­ten, kann sein Bio­graph und Nach­fol­ger Gott­hilf Kull zwar nach­voll­zie­hen. Den­noch be­dau­ert er die Nach­tei­le für die An­stalt, die wegen der feh­len­den Ehe­frau der An­stalt ent­ste­hen.
Ein neuer Standort
Wohl gerne hätte die An­stalt bei ihrer Grün­dung auch bes­se­re Räum­lich­kei­ten und einen grös­se­ren Um­schwung für einen Land­wirt­schafts­be­trieb ge­habt. Doch über 30 Jahre muss sie mit Lie­gen­schaf­ten in dicht be­bau­ten Quar­tie­ren vor­lieb­neh­men. Diese Lie­gen­schaf­ten sich kaum für den Blin­den – und Taub­stum­men­un­ter­richt. Erst 1838 er­hält die Blin­den- und Taub­stum­men-An­stalt eine gross­zü­gi­ge­re Lie­gen­schaft und mehr Um­schwung.
Dann zieht die An­stalt in das so­ge­nann­te Kro­nen­port-Ge­bäu­de an der Künstl­er­gas­se um. An­stel­le des da­ma­li­gen Kro­nen­port-Ge­bäu­des steht dort heute das Kol­le­gien­ge­bäu­de der Uni­ver­si­tät Zü­rich. Dass die An­stalt der Er­wei­te­rung der Uni­ver­si­tät Zü­rich wei­chen muss, wird bei der Ver­staat­li­chung der An­stalt noch eine wich­ti­ge Rolle spie­len.

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