Zurück Kontrast

Taubstummheit und Kropf im 19. Jahrhundert

Viele Ge­hör­lo­sen­ver­ei­ne, Ge­hör­lo­sen­schu­len und sogar die Ge­hör­lo­sen selbst ver­wen­de­ten «taub­stumm» frü­her als Selbst­be­schrei­bung. «Taub­stumm» ist je­doch nicht ein­fach eine alte Be­zeich­nung für das heu­ti­ge «ge­hör­los». Der Be­griff «taub­stumm» sagt viel dar­über aus, wie die Ge­sell­schaft über Ge­hör­lo­se dach­te.
Wich­tig sind dabei die bei­den Wort­tei­le «taub» und «stumm». Ver­ein­facht ge­sagt galt bei Taub­stum­men fol­gen­de Logik: Weil Ge­hör­lo­se nicht hören kön­nen, blei­ben sie stumm. Weil sie stumm sind, haben sie keine Spra­che. Doch nur die Spra­che un­ter­schei­det die Men­schen vom Tier. Und weil die Taub­stum­men nicht spre­chen, sind sie nicht bes­ser als Tiere und darum auch nicht bil­dungs­fä­hig.
Trotz die­ser «Volks­mei­nung» gab es be­reits im 17. Jahr­hun­dert In­itia­ti­ven, Ge­hör­lo­se zu un­ter­rich­ten. 1665 woll­te der Pfar­rer Jo­hann Kas­par La­va­ter (1624–1695) eine Taub­stum­me­n­an­stalt grün­den. Wäre seine Idee um­ge­setzt wor­den, hätte die erste Taub­stum­me­n­an­stalt in Zü­rich statt in Paris ge­stan­den.
1777 un­ter­rich­te­te Kel­ler in Schlie­ren taub­stum­me Kin­der. Zwei davon ge­hör­ten je­doch nicht zur Un­ter­schicht. Es waren die Kin­der des Zür­cher Ritt­meis­ters Cas­par von Mu­r­alt. Ei­gent­lich ist diese Kom­bi­na­ti­on eine gute Vor­aus­set­zung für eine Taub­stum­me­n­an­stalt. Die Taub­stum­me­n­an­stal­ten in Mün­chen­buch­see oder in St. Gal­len ent­stan­den aus ähn­li­cher Be­trof­fen­heit. Nichts davon ge­sch­ah aber in Zü­rich. Zü­rich ver­spiel­te damit auch den Ruhm der äl­tes­ten Taub­stum­me­n­an­stalt der Schweiz. Die­ses Pres­ti­ge ge­hört der Taub­stum­me­n­an­stalt Yver­don (heute Mou­don). Sie wurde 1811 u.a. mit der Hilfe von Jo­hann Con­rad Ul­rich (1761–1828) und Jo­hann Hein­rich Pes­ta­loz­zi (1746–1827) ge­grün­det.
Anfänge der Taubstummenbildung
Kel­lers Werk woll­te Kel­lers Schü­ler Ul­rich fort­s­et­zen. Ul­rich ver­tief­te bei Abbé de l’Epée in Paris seine Kennt­nis­se, ge­hör­lo­se Kin­der zu un­ter­rich­ten. Ul­rich gilt des­halb als ers­ter pro­fes­si­o­nel­ler Taub­stum­men­leh­rer der Schweiz. Ul­rich woll­te in Zü­rich eine Taub­stum­me­n­an­stalt er­öff­nen. Doch meh­re­re sei­ner Ver­su­che blie­ben er­folg­los. Erst 1826 er­hielt der Kan­ton Zü­rich nach vie­len An­läu­fen eine Taub­stum­me­n­an­stalt.
Trotz der zahl­rei­chen Bil­dungs­be­stre­bun­gen: Im Volks­glau­ben hatte die «Ent­stum­mung» etwas Ma­gi­sches, fast «Gött­li­ches». Die Taub­stum­me­n­an­stal­ten muss­ten also zu­erst den Be­weis er­brin­gen, dass die «Taub­stum­men» über­haupt bil­dungs­fä­hig waren. Dass taub­stum­me Kin­der spre­chen ler­nen kön­nen, er­reg­te viel Auf­merk­sam­keit. Die Taub­stum­me­n­an­stalt Aarau hielt etwa im Ca­si­no Aarau öf­fent­li­che Prü­fun­gen ab.
Diese Prü­fun­gen soll­ten die Bil­dungs­fä­hig­keit der «Taub­stum­men» de­mon­s­trie­ren und Spen­den ge­ne­rie­ren. Zwar flos­sen zu­neh­mend staat­li­che Mit­tel in die Taub­stum­men­bil­dung. Den­noch kämpf­ten bis zur In­va­li­den­ver­si­che­rung IV die Ge­hör­lo­sen­schu­len mit De­fi­zi­ten. Trotz­dem hielt sich hart­nä­ckig die Glei­chung taub­stumm = dumm.
Das Telefon

1876

Das Telefon
„Das Pferd frisst kei­nen Gur­ken­sa­lat“, soll einer der ers­ten Sätze sein, die je über ein Te­le­fon ge­spro­chen wer­den. Ge­spro­chen hat ihn al­ler­dings nicht Alex­an­der Gra­ham Bell, son­dern der deut­sche Leh­rer Phil­ipp Reis, der schon 15 Jahre zuvor mit der Tech­nik ex­pe­ri­men­tier­te. Das Ren­nen um das Pa­tent ge­winnt am Ende trotz­dem Bell und wird damit zur Stim­me des Te­le­fons.
Zwischen Statistik und Stigmatisierung
Vor allem im 19. Jahr­hun­dert war die Gren­ze zu den Kre­ti­nen, Men­schen mit einer geis­ti­gen Be­hin­de­rung, flies­send. Taub­stumm­heit galt als grau­sa­mes Schick­sal, dass es zu be­kämp­fen galt. Mit Zäh­lun­gen ver­such­te man, sich einen Über­blick zu ver­schaf­fen. Als erste Zäh­lung gilt die so­ge­nann­te Stap­fer­sche Zäh­lung von 1799. An­ge­stos­sen hatte sie Phil­lipp Al­bert Stap­fer (1766–1840), da­mals Mi­nis­ter der Küns­te und Wis­sen­schaf­ten der kurz­le­bi­gen Hel­ve­ti­schen Re­pu­blik. Wei­te­re Zäh­lun­gen in den Kan­to­nen soll­ten fol­gen.
Bald schon zeig­te sich: Die Schweiz ist ein Land der Taub­stumm­heit. Im Ver­gleich mit an­de­ren Län­dern hat die Schweiz sehr hohe Zah­len an Taub­stumm­heit. Die Taub­stumm­heit tritt zudem lokal ge­häuft auf. Wäh­rend ein Ort viele Taub­stum­me auf­weist, ist der Nach­bar­ort prak­tisch taub­stumm­frei. Als Be­schrei­bung setzt sich dafür der Aus­druck «en­de­mi­sche Taub­stumm­heit» durch.
Kropf, Kretinismus und Taubstummheit
Die «en­de­mi­sche Taub­stumm­heit» ist für Zeit­ge­nos­sen bis in die 1930er Jahre ein Rät­sel. Es gibt zwar einen Zu­sam­men­hang zwi­schen der Taub­stumm­heit und dem so­ge­nann­ten Kropf. Ur­sa­che ist ein Jod­man­gel in der Schild­drü­se, die für die Hor­mon­bil­dung Jod braucht. Schild­drü­sen­hor­mo­ne re­gu­lie­ren viele wich­ti­ge kör­per­li­che Pro­zes­se. Fehlt ihr das Jod, be­ginnt sie zu wach­sen. Der be­rüch­tig­te Kropf ent­steht. Die Schä­den bei fort­ge­schrit­te­nem Kropf sind enorm: Kin­der wach­sen nicht mehr rich­tig, die Herz­fre­quenz sinkt, die Men­schen wer­den teil­nahms­los. Lei­den schwan­ge­re Frau­en an Jod­man­gel, wer­den ihre Babys als Kre­tins ge­bo­ren. Über die Ur­sa­che des Kropfs wird viel spe­ku­liert.
Doch erst die Sa­lz­jo­die­rung soll­te den ge­fürch­te­ten Kropf ban­nen. Die Schweiz führ­te 1922 als ers­tes Land die Jo­die­rung des Spei­se­sa­l­zes ein. Bis heute gilt jo­dier­tes Salz als wich­tigs­te Jo­d­quel­le der Schwei­zer Be­völ­ke­rung. Durch die Sa­lz­jo­die­rung ver­lie­ren die Taub­stum­me­n­an­stal­ten je­doch eine wich­ti­ge Kli­en­tel­grup­pe – die durch Jod­man­gel als taub­stum­me Kre­ti­ne ge­bo­re­nen Kin­der. Die An­stal­ten leer­ten sich in den 1930er Jah­ren. Viele Taub­stum­me­n­an­stal­ten müs­sen schlies­sen.

Weitere Artikel der Chronik