Emmy Zuberbühler (1933–1994)
Die Hühnermutter
Ihre erste Stelle tritt Emmy Zuberbühler in Genf an. Doch der Name Zuberbühler ist für Welsche schwierig auszusprechen, und noch schwieriger für französischsprachige Kinder. Also kürzt Zuberbühler ihren Namen ab und nennt sich «Mademoiselle Bühler». Prompt liest ein Kind statt Bühler «poulet» ab – und machte sogleich die typische Gebärde für «geköpftes Huhn». Der Name bleibt an Emmy Zuberbühler während ihrer gesamten Arbeitszeit in Genf haften. Die Kinder nennen sie «mère de poules» (Hühnermutter), das Genfer Spielzimmer wird in «poulailler» (Hühnerhof) unbenannt.
Genf ist für die gebürtige Stadtzürcherin zwar die erste Stelle im Gehörlosenwesen. Doch bereits in der Jugendarbeit kommt sie mit Gehörlosen in Kontakt. Dort lernt sie unter anderem die Gehörlosenlehrerin Ottilie Schilling kennen. Diese Begegnung bestärkt Zuberbühler darin, für Gehörlose zu arbeiten. Ein Vorpraktikum an der Sprachheilschule St. Gallen beeindruckt sie zweifach: Einerseits ist es die Arbeit mit den gehörlosen Kindern, andererseits die Persönlichkeit des Anstaltsleiters Hans Ammann. In Zürich besucht Emmy Zuberbühler an der Sozialen Schule die Ausbildung als Heimleiterin/Erzieherin. Das obligatorische Praktikum absolviert sie an den Gehörlosenschulen Zürich und St. Gallen.
Mit Wissen und Herzblut
Die Ausbildung zur Heimerzieherin soll nicht die einzige bleiben. Emmy Zuberbühler ist neugierig und hat einen offenen Geist. In Genf ist sie offiziell für die Erziehung der Mädchen zuständig und arbeitet in der Früherziehung mit. Aus eigenem Interesse besucht Zuberbühler unter Odette Challet den Ausbildungskurs zur Gehörlosenlehrerin. Es ist der erste Ausbildungskurs dieser Art in der Schweiz.
Nach zehn Jahren in Genf erhält Zuberbühler ein Stellenangebot von Dr. Félicie Affolter (1926-2024), die an der Pädaudiologischen Abteilung des Kantonsspital St. Gallen arbeitet. Am Kantonsspital ist Zuberbühler für die Früherfassung und die Hörgeräteanpassung verantwortlich. Es gibt damals noch keine Ausbildung für Audiopädagoginnen und Audiopädagogen. Als erste Kurse angeboten werden, reist Emmy Zuberbühler neben ihrer Arbeit nach Fribourg. Dazu belegt sie Kurse zur Therapie von Wahrnehmungsgeschädigten.
Im Kantonsspital leistet sie in diesem Bereich Aufbauarbeit. Als ihre Therapiegruppe wegen einer Umorganisation aufgelöst wird, baut Zuberbühler das Zentrum Wahrnehmungsgeschädigte in St. Gallen auf. Die Therapie- und Abklärungsstelle mit Elternberatung ist erfolgreich. Dennoch zieht sich Emmy Zuberbühler vier Jahre später aus dieser Arbeit zurück. Die Arbeitsbelastung und die Erwartungshaltung der Eltern werden ihr zu gross.
Nach fünfzehn Jahren in St. Gallen wird Emmy Zuberbühler in Zürich kirchliche Sozialarbeiterin beim kantonalen Gehörlosenpfarramt. Dafür absolviert Emmy Zuberbühler berufsbegleitend eine weitere Ausbildung. In ihrer Abschlussarbeit befasst sie sich mit der Altersarbeit bei Gehörlosen. Viele Vorschläge aus der Abschlussarbeit fliessen in ihre berufliche Arbeit ein. Zusammen mit Gehörlosen kann sie zum Beispiel Ideen für Besuche schwerkranker oder gebrechlicher Gehörlosen verwirklichen.
Einsatz für die Gebärdensprache
Zuberbühler arbeitet jedoch nicht nur beruflich für Gehörlose, sondern setzt sich jahrzehntelang auch privat für Gehörlose ein. So ist sie langjährige Zentralsekretärin für den Schweizerischen Gehörlosenbund (SGB, heute sgb-fss) und Präsidentin beim «Verein zur Unterstützung der Gebärdensprache». Sie sitzt in der Ausbildungskommission des Schweizerischen Verbandes für das Gehörlosenwesen (SVG, heute Sonos). Sie ist auch für das Konzept für Dolmetschervermittlung und -Ausbildung zuständig, das der SVG 1984 ausarbeiten lässt.
Ihr Engagement für die Gebärdensprach-Dolmetscher hat seine Logik. Emmy Zuberbühler übernimmt 1963 ihr erstes Dolmetscherinnenamt von ihrer damaligen Chefin Yolande Steudler. Steudler ist Direktorin des Internats der Gehörlosenschule Montbrillant in Genf. Dolmetscherfunktionen sind für hörende Fachleute nicht unüblich. Selbst Direktor Walther Kunz von der Gehörlosenschule Zürich muss immer wieder als Dolmetscher einspringen. Doch die damaligen Dolmetscherdienste muss man sich eher primitiv vorstellen.
Emmy Zuberbühler dolmetscht «oral», fasst also das Gesprochene für die Gehörlosen zusammen. Auch bei den Dolmetscherdiensten für den SGB übersetzt sie am Anfang mündlich von Deutsch auf Französisch oder Italienisch. Dennoch erleichtert das Dolmetschen das gegenseitige Verständnis und das Zusammenwachsen des SGB zu einer schweizweiten Organisation. Als die Romands fordern, dass auch die Deutschschweizerinnen gebärden, braucht es das «SGB-Fremdsprachen-Emmy» nicht mehr.
Auch der Einsatz von Emmy Zuberbühler für die Gebärdensprachforschung ist vor ihrem Hintergrund als Dolmetscherin zu sehen. Sie gehört zu den Absolventinnen der ersten Gebärdendolmetscher-Ausbildung; 1991 wird sie erste Präsidentin der «Berufsvereinigung der Gebärdendolmetscherinnen». Die damals ausgebildeten Dolmetscherinnen beherrschen die Gebärdensprache nicht und dürfen sich deshalb nicht Gebärdensprach-Dolmetscherin nennen. Um das Niveau bei den Dolmetscherinnen zu heben, braucht es jedoch qualifiziertere Gebärdensprachlehrer und damit auch eine verstärkte Gebärdensprachforschung.
Engagement mit grosser Wirkung
Für die Gehörlosen-Selbsthilfe ist Emmy Zuberbühler eine wichtige Person. Dies nicht nur wegen ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin und Zentralsekretärin des SGB. Vielmehr arbeitet sie im SGB auf Augenhöhe mit führenden Gehörlosen wie Markus Huser, Beat Kleeb oder Felix Urech zusammen. Die Gehörlosen wissen dieses Engagement zu würdigen. Der SGB ernennt seine «Hausdolmetscherin» zum Ehrenmitglied. 1994 erhält Emmy Zuberbühler posthum den Kubi-Preis (Kultur- und Bildungspreis der Selbsthilfe: eine besondere Auszeichnung des Schweizerischen Gehörlosenbundes SGB-FSS).