Spracherwerb vor Wissenserwerb
Spätestens ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzt sich in der Schweiz der sogenannte Oralismus durch. Es ist ein System, dass den Unterricht in Lautsprache forciert und die Gebärdensprache ausschliesst. 1876 fällt eine der letzten Bastionen des Manualismus (Unterrichtsmethode für Gehörlose, die auf der Verwendung von Gebärdensprache im Unterricht basiert). Mit Renz übernimmt ein von Schibel ausgebildeter Taubstummenlehrer in Genf die Anstaltsleitung und setzt dort reine Lautspracherziehung durch.
Für die damaligen Taubstummenlehrer und Vorsteher ist dieser Schritt konsequent. Die gehörlosen Kinder sollten sich in die Welt der Hörenden integrieren und ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten. Und das geht nach Ansicht der Taubstummenlehrer nur mit der Lautsprache. Etwa Landwirtschaft auf dem anstaltseigenen Bauernhof, handwerkliche Fertigkeiten und vor allem eine gute Lautsprache – das sollte für die Fortbildung der Gehörlosen genügen. Mehr als ein paar Jahre Schulbildung war für die Gehörlosen nicht vorgesehen. Es gibt immer wieder Schüler:innen, die vor Ablauf der vorgesehenen Schulzeit aus der Schule genommen werden.
Erziehung ohne Gebärdensprache
Vorsteher Georg Schibel, der zweite Vorsteher der Blinden- und Taubstummenanstalt Zürich, ist so gesehen ein perfekter Vertreter seiner Zeit. Er setzt konsequent auf die reine Lautspracherziehung; die Gebärdensprache lehnt er entschieden ab. Bereits in den ersten Jahren als Vorsteher macht sich Schibel daran, die Gebärdensprache auszuschliessen. Nach seiner Auffassung sollen die Kinder in der Lautsprache denken lernen. Er fördert den Anschauungs-, Artikulations- und Sprechunterricht. Kernstück seines Unterrichts sind der Anschauungsunterricht und Tagebucheinträge.
Durch bekannte Begriffe und das Niederschreiben von Erlebnissen sollen Kinder ihr eigenes Lehrmittel erschaffen. Schibel lehnt deshalb Schulbücher bis zur Mittelstufe ab. Anleitungen zum Lesen und Satzbau sieht er erst in der Oberstufe vor. Seiner Ansicht nach bietet der Anschauungsunterricht genügend Unterrichtsstoff. Satzbau und Erläuterungen zum Lesen eines Buches sollten erst im Verlaufe der Oberstufe hinzukommen.
Auch wenn die Resultate Schibels oft günstig lauteten: Es ist nachvollziehbar, dass bei einem derartigen Programm die Bildungsinhalte zu kurz kommen. Für eine von der Landwirtschaft geprägte Gesellschaft wie die Schweiz des 19. Jahrhunderts mochte dieses Vorgehen ausreichen. Doch genügte dieses System auch in einer zunehmend komplexeren Welt, in der die Industrialisierung höhere Anforderungen an die Arbeitenden stellte?
1926
Der Fernseher
Frühe Fernsehtechnik zerlegte bereits 1884 Bilder in einzelne Signale und setzte sie am anderen Ende wieder zusammen. Klingt aufwendig – und genau das war es auch. Erste öffentliche Vorführungen gibt es in den 1920ern. Bis der Fernseher aber seinen Weg in die Wohnzimmer findet, dauert es noch einige Jahre.
Grenzen der Wahrnehmung
Genau diese Frage stellt sich 1931 der Psychologe E. Bieri. In seinem Amtseinführungs-Dossier untersucht er das Vorstellungsvermögen der gehörlosen Zöglinge in der Taubstummenanstalt Wabern. Die Gehörlosen sollen sich etwa zu abstrakten Figuren (·, | usw.) ihre Gedanken äussern oder sie zeichnen oder Zahlreihen bilden.
Doch bereits beim Setting zeigt sich, dass die hoch gesteckten Ziele nicht erreichbar sind. Um den Gedanken und nicht die Lautsprachekenntnisse zu messen, akzeptiert Bieri auch Gebärden oder Zeichnungen. Es braucht mehrere Probedurchgänge, bis die Schüler die Aufgabe überhaupt richtig erfassen.
Und trotzdem bleiben die Aussagen sehr stark am vorgegebenen Zeichen hängen. Ein | interpretieren viele Kinder eben als Strich. Bieri leitet dies auf den Artikulationsunterricht ab, der eine genaue und exakte Beobachtung erfordert. Dass der Artikulationsunterricht ein Fantasiekiller sein könnte: Diese Frage stellt sich Bieri nicht.
Frühe Förderung als Lösung?
Im Vergleich mit den Hörenden schneiden die Gehörlosen jedenfalls schlecht ab. Sie treten im Vergleich zu den hörenden Kindern mit einem grossen kognitiven Rückstand in die Taubstummenanstalt ein. Bieri führt dies darauf zurück, dass taubstumme Kinder zu Hause zu wenig gefördert werden und weniger Alltagserfahrungen machen als hörende Kinder.
Zwar vermag die Taubstummenanstalt die Lücke zu schliessen. Dennoch bleibt eine beachtliche Kluft. Bieri empfiehlt, die Lücken mit einem frühzeitigen Eintritt in einen zweijährigen Kindergarten zu schliessen. Er empfiehlt also klassisch mehr Schulzeit – und vor allem Zeit für den Lautsprachunterricht. Mehr Wissen oder ein anderes Schulsystem fordert Bieri nicht.
Neben der mangelhaften Ausbildung hatten die Gehörlosen einen weiteren Nachteil: Die Schulzeit dauerte ursprünglich nur sechs Jahre, erst ab den 1950er Jahren durchgehend acht bis neun Jahre. Dennoch hatten die gehörlosen Schüler:innen nach dem Austritt aus der Taubstummenanstalt keinen Sekundarabschluss in der Tasche. Viele anspruchsvolle Berufe blieben den Gehörlosen dadurch verwehrt. Diese Lücke sollte erst mit der Oberstufe für Gehörlose (heute sek3) dauerhaft geschlossen werden.