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Ottilie Schiling (1901–1984)

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Mit Leib und Seele Gehörlosenlehrerin
Wenn die Welt aus den Fugen gerät, müs­sen es die Frau­en rich­ten. Zu­min­dest ist dies im Klei­nen in der Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt der Fall. Am 1. Sep­tem­ber 1939 müs­sen drei Leh­rer der Mo­bil­ma­chung Folge leis­ten. Damit der Un­ter­richt nicht aus­fällt, müs­sen die Klas­sen neu auf­ge­teilt wer­den. Fräu­lein Bet­ton­cel­lo führt zu­min­dest 1939 die 5. bis 9. Klas­se ge­mein­sam. Trotz­dem blei­ben noch ei­ni­ge Lek­ti­o­nen in einer 4. Klas­se offen. Diese Lek­ti­o­nen über­neh­men die Klas­sen­leh­re­rin­nen Berta Zim­mer­li und Ot­ti­lie Schil­ling.
Es ist be­zeich­nend, dass Ot­ti­lie Schil­ling die­sen Zu­satz­auf­wand über­nimmt. Sie ist mit Leib und Seele Ge­hör­lo­sen­leh­re­rin. Ihr Ein­satz für die Ge­hör­lo­sen endet je­doch nicht im Klas­sen­zim­mer. Be­rühmt oder be­rüch­tigt ist ihr Aus­spruch unter den ge­hör­lo­sen Schü­ler:innen, wenn Ot­ti­lie Schil­ling Auf­sicht hat: «So, jetzt wol­len wir einen Marsch ma­chen. Das ist ge­sund, die fri­sche Luft wird uns gut­tun. Macht rasch, die Zeit ver­geht schnell!». Im Hir­zel­heim ist sie als Spiel­lei­te­rin und Spass­ma­che­rin be­liebt. Da­ne­ben lei­tet sie wäh­rend vie­ler Jahre die Frei­zeit­grup­pe in Win­ter­thur und an­de­re Frei­zeit­grup­pen.

1901–1928

Un­tä­tig­keit und Ar­beits­lo­sig­keit be­ha­gen Ot­ti­lie Schil­ling ein­deu­tig nicht. Als sie 1920 das Leh­rer­pa­tent er­hält, fin­det sie wegen des da­ma­li­gen Leh­rer­über­schuss keine Stel­le. Sie ar­bei­tet in Spa­ni­en, Süd­frank­reich und spä­ter Eng­land als Pri­vat­leh­re­rin. Es wirkt fast wie eine Fort­s­et­zung eines Le­bens, das Ot­ti­lie Schil­ling be­reits früh in der Welt her­um­kom­men lässt. Ge­bo­ren wird Ot­ti­lie Schillng am 21. Juni 1901 in Tschom­bo­la (In­di­en). Ihr Vater ist als Missi­o­nar häu­fig un­ter­wegs. Ihre Mut­ter un­ter­rich­tet junge Chris­tin­nen in Hand­a­r­bei­ten.
Beide El­tern sind häu­fig be­an­sprucht. Des­halb blei­ben Schil­ling und ihre Ge­schwis­ter in der Obhut eines in­di­schen Kin­der­mäd­chens zu­rück. Denn im Gar­ten gibt es Schlan­gen und an­de­re ge­fähr­li­che Tiere. Schil­ling bleibt je­doch nur we­ni­ge Jahre in In­di­en. Der Vater er­krankt und auch die Kin­der er­tra­gen das feucht­heis­se Klima nur schlecht. Des­halb kehrt die Fa­mi­lie 1905 in die Schweiz zu­rück. Zu­erst kom­men die Schil­lings bei den Gros­s­el­tern in Wil­chin­gen (SH) unter. Zwei Jahre spä­ter zieht die Fa­mi­lie nach Win­ter­thur um. Dort be­sucht sie die Schu­le bis zur Ma­tu­ri­tät.
Von Weltenbummlerin zur Gehörlosenlehrerin
Wie kommt diese Wel­ten­bumm­le­rin in die Ge­hör­lo­sen­schu­le? 1926 fin­det Ot­ti­lie Schil­ling wei­ter­hin keine An­stel­lung als Leh­re­rin. Sie wird des­halb an der Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt Er­zie­he­rin. Es ist zu Be­ginn nicht der Traum­job von Schil­ling. Sie hätte viel lie­ber eine Aus­bil­dung zur Se­kun­da­r­leh­re­rin an­ge­hängt. Doch die enge Be­zie­hung zu den ge­hör­lo­sen Schü­ler:innen geben den Aus­schlag, dass sie in der An­stalt bleibt. 1928 er­hält sie erst­mals eine ei­ge­ne 4. Klas­se. Mit Aus­nah­me eines ein­jäh­ri­gen Ab­ste­chers in eine «hö­ren­de Klas­se» in Oer­li­kon bleibt Schil­ling der Ge­hör­lo­sen­schu­le bis zu ihrer Pen­sio­nie­rung 1966 treu.
Doch dies ist Ot­ti­lie Schil­ling noch nicht genug. Neben ihrem Pen­sum an der Ge­hör­lo­sen­schu­le un­ter­rich­tet sie seit 1954 an der Be­rufs­schu­le für Hör­ge­schä­dig­te und seit 1961 an der Ober­stu­fen­schu­le für Ge­hör­lo­se (heute sekt3). Ot­ti­lie Schil­ling ar­bei­tet an der Ober­stu­fe für Ge­hör­lo­se bis weit über die Pen­sio­nie­rung hin­aus wei­ter.

1974–1984

An einem Ba­de­sonn­tag mit ehe­ma­li­gen Schü­le­rin­nen und Schü­ler er­lei­det Ot­ti­lie Ende 1974 eine Strei­fung. Von den Fol­gen er­holt sich Ot­ti­lie Schil­ling nicht ganz. Nach den Som­mer­fe­ri­en muss sie den Schul­dienst auf­ge­ben. Der Ver­lust ihrer Le­bens­auf­ga­be ist für Ot­ti­lie Schil­ling de­pri­mie­rend. Sie fin­det zwar eine neue Auf­ga­be in der Chro­nisch­kran­ken-Ab­tei­lung des Spi­tals Thal­wil, wo sie Pa­ti­en­ten in Roll­stüh­len durch den Gar­ten führt oder ein­fa­che Spie­le macht. Doch sie lei­det unter Ein­sam­keit.
1977 tritt sie ins Al­ters­heim Hoch­weid in Kilch­berg ein. Sie schätzt das Al­ters­heim sehr, auch wenn sie zeit­wei­se unter Al­ters­ge­bre­chen lei­det. Im Al­ters­heim er­hält sie viele Be­su­che von ehe­ma­li­gen Schü­le­rin­nen und Schü­lern oder ehe­ma­li­gen Ar­beits­kol­le­gin­nen und -kol­le­gen. 1984 stirbt Ot­ti­lie Schil­ling im Alter von 83 Jah­ren.
Was bleibt aus dem Leben von Ot­ti­lie Schil­ling in Er­in­ne­rung? Dies ist Ot­ti­lie Schil­ling als stren­ge Lehr­per­son. Trotz allem Humor kann sie böse oder ver­ächt­lich bli­cken, wenn eine Schü­le­rin oder ein Schü­ler an der Tafel nicht wei­ter­weiss. Oder je­mand eine Blume nicht so­gleich er­kennt. Am bes­ten ge­fällt es aber Ot­ti­lie Schil­ling, wenn sie den jun­gen Di­rek­tor Gott­fried Ring­li bei einem Feh­ler er­tappt. Ob sie es wohl böse meint? Selbst Ring­li sieht es nicht so. Sie setzt sich für ein geis­ti­ges Vor­wärts­kom­men und für bes­se­res Ver­ste­hen der Hö­ren­den und Ge­hör­lo­sen ein – un­er­müd­lich bis ins hohe Alter.
Engagement, das über die Schule hinausgeht
Dies zeigt sich auch bei ihrem En­ga­ge­ment für die Ge­hör­lo­sen, das über die Schu­le hin­aus­geht. Sie ist immer stolz auf die Leis­tun­gen ihrer Schü­ler:innen und freut sich über ihre pri­va­ten und be­ruf­li­chen Er­fol­ge. Oft ver­an­stal­tet Ot­ti­lie Schil­ling Grup­pen­tref­fen mit lus­ti­gen Rate- und Denk­spie­len, fei­nen Im­bis­sen – und ihren be­rühm­ten Er­zäh­lun­gen. Mit die­sen Er­zäh­lun­gen bleibt Schil­ling eben­falls in Er­in­ne­rung.
So er­zählt Ot­ti­lie Schil­ling jeden Sams­tag, bevor die Schü­ler der Ober­stu­fe heim­fah­ren, in der letz­ten Stun­de Ge­schich­ten. Wer nicht recht­zei­tig fer­tig wird, muss die Auf­ga­be be­en­den, bevor er sich die Ge­schich­ten an­hö­ren darf. Das Ge­schich­ten­er­zäh­len setzt Schil­ling auch beim Spre­chen und Ab­le­sen ein. Das Er­zähl­te müs­sen die Schü­le­rin­nen und Schü­ler wört­lich wie­der­ho­len. Doch sie tun es gern – eben weil Ot­ti­lie Schil­ling so gut er­zäh­len kann.

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