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Verzicht auf die Blindenanstalt, Rückgang der Schülerzahlen

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Wie es der Name «Blin­den - und Taub­stum­me­n­an­stalt» sagt, steht in Zü­rich seit 1826 eine Dop­pel­an­stalt. Oft hat man beim Durch­blät­tern äl­te­rer Ju­bi­lä­ums­schrif­ten das Ge­fühl: Die Blin­de­n­an­stalt hat ein we­sent­lich grös­se­res Pres­ti­ge als die Taub­stum­me­n­an­stalt. Wes­halb kam dann die­ses ab­rup­te Ende der Blin­den­schu­lung in Zü­rich?
Der Grund liegt in der Ur­sa­che der Blind­heit. Im 19. Jahr­hun­dert er­blin­den viele Kin­der wegen einer Krank­heit oder wegen der schlech­ten hy­gie­ni­schen Ver­hält­nis­se. Die erb­lich be­ding­te Blind­heit ist nur eine von vie­len mög­li­chen Ur­sa­chen. Bes­se­re hy­gie­ni­sche Ver­hält­nis­se oder eine bes­se­re Krank­heits­für­sor­ge brin­gen des­halb die Schü­ler­zah­len zum Sin­ken.
Genau dies pas­siert im Kan­ton Zü­rich: An­fang des 20 Jahr­hun­derts geht die Ju­gend­blind­heit zu­rück. 1919 be­su­chen noch 29 Kin­der die Blin­de­n­an­stalt, davon 18 aus dem Kan­ton Zü­rich. 1939 zählt die Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt nur noch 13 Schü­ler, davon 5 aus Zü­rich. Dass die Schü­ler­zah­len wie­der stei­gen, ist für die Lei­tung der Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt nicht re­a­lis­tisch.
Der Kampf um die Blindenschule
Be­reits seit 1935 ver­langt die Auf­sichts­kom­mis­si­on der Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt vom Re­gie­rungs­rat, die Blin­de­n­ab­tei­lung auf­zu­he­ben. Dafür wür­den die blin­den Kin­der in der Blin­de­n­an­stalt Spiez (heute Blin­den­schu­le Zol­li­ko­fen) ge­schult. Gegen diese Pläne gibt es Wi­der­stand. Kan­tons­rat Haegi von Af­fol­tern am Albis reicht am 29. April 1935 eine Mo­ti­on ein, um die Auf­he­bung zu stop­pen. In sei­ner Be­grün­dung vom 8. Juli 1935 bringt Hegi vor allem drei Ar­gu­men­te vor:
1.
Der Staat habe die An­stalt über­nom­men, nun müsse er auch die Be­schu­lung der Blin­den si­cher­stel­len. Es sei für den Kan­ton schlicht un­wür­dig, seine blin­den Kin­der nach Spiez zu ex­por­tie­ren.
2.
Auch aus päd­ago­gi­schen Grün­den komme eine Schlies­sung der Blin­de­n­ab­tei­lung nicht in Frage. Seit hun­dert Jah­ren habe die Schu­lung von Taub­stum­men und Un­ter­richt gut funk­tio­niert. Der Un­ter­richt sei zu­frie­den­stel­lend, und klei­ne Klas­sen för­der­ten den in­di­vi­du­el­len Un­ter­richt. Aus­ser­dem schätz­ten die El­tern die Nähe zur An­stalt.
3.
Schliess­lich lässt Hegi fi­nan­zi­el­le Ar­gu­men­te nicht gel­ten. Jähr­lich wende der Staat [er­gänzt: be­zo­gen auf die Zeit von 1935] fünf Mil­li­o­nen Fran­ken für kan­to­na­le An­stal­ten auf. Dass der eher ge­rin­ge Be­trag für die Blin­de­n­an­stalt nun plötz­lich nicht mehr trag­bar sein solle, leuch­te nicht ein. Wenn schon solle man beim auf­ge­bläh­ten Lehr­kör­per spa­ren.
Das Radio

1901

Das Radio
Un­sicht­ba­re Wel­len, gros­se Ideen – und Nach­rich­ten las­sen sich erst­mals ein­fach durch die Luft schi­cken. Das Radio ist kein Ein-Mann-Pro­jekt: Tesla, Hertz und an­de­re leg­ten die Grund­la­gen, wäh­rend meh­re­re Tüft­ler gleich­zei­tig an der Um­set­zung ar­bei­ten. Am Ende setzt sich Gugliel­mo Ma­r­co­ni durch und macht aus vie­len Ideen ein Me­di­um, das die Welt hör­bar ver­bin­det.
Zwischen Pädagogik und Wirtschaftlichkeit
Zwar teilt der Re­gie­rungs­rat die Ein­schät­zung von Mo­ti­o­när Haegi nicht und sieht bei der Blin­de­n­an­stalt Hand­lungs­be­da­rf. Im­mer­hin sei die Lage nicht so kri­tisch, so dass man auch zu­war­ten könne. Gegen die Mo­ti­on Haegi nimmt am 15. Juli für die Re­gie­rung der Er­zie­hungs­di­rek­tor Dr. Karl Haf­ner Stel­lung:
Aus päd­ago­gi­scher Sicht lasse sich 1935 eine ge­mein­sa­me Be­schu­lung von Taub­stum­men und Blin­den nicht recht­fer­ti­gen. Die Be­dürf­nis­se der bei­den Be­hin­der­ten­grup­pen seien zu ge­gen­sätz­lich. Des­halb müsse man blin­de und taub­stum­me Schü­ler:innen von­ein­an­der ge­trennt hal­ten. Da we­sent­lich mehr Taub­stum­me als Blin­de die An­stalt be­su­chen, könn­ten sich Blin­de be­nach­tei­ligt füh­len.
Dass sich die Blin­de­n­an­stalt nicht ren­tie­re, sei nicht die Schuld des auf­ge­bläh­ten Lehr­per­so­nals. Nur mit einer hohen Be­le­gung wür­den die Kos­ten sin­ken. Wegen sin­ken­der Schü­ler­zah­len gehe der Trend Rich­tung Kon­zen­tra­ti­on. Be­vor­zugt würde zwar eine deutsch­schwei­ze­ri­sche Blin­de­n­an­stalt. Doch gegen diese Idee gebe es zu viel Wi­der­stand. Des­halb scheint die Pri­vat­blin­de­n­an­stalt Spiez die beste Lö­sung. Denn im Ge­gen­satz sei diese bes­ser aus­ge­stat­tet als die Zür­cher An­stalt.
Die Stel­lung­nah­me von Er­zie­hungs­di­rek­tor Haf­ner ver­mö­gen den Kan­tons­rat nicht zu über­zeu­gen. Die Dis­kus­si­on im Kan­tons­rat ver­läuft kri­tisch, die Ar­gu­men­te von Mo­ti­o­när Haegi leuch­ten ein. Mit 92 zu 0 Stim­men über­weist der Kan­tons­rat die Mo­ti­on.
Die Verlegung nach Spiez
Wie ver­spro­chen sis­tiert der Re­gie­rungs­rat die Auf­he­bung der Blin­de­n­an­stalt. Erst 1940 wird der Re­gie­rungs­rat aktiv, nach­dem der Kan­tons­rat die Mo­ti­on Haegi ab­schreibt. Die Ar­gu­men­te von 1935 haben auch 1940 noch Gül­tig­keit. Auch recht­lich ist alles ein­wand­frei. Ein Gut­ach­ten des Rechts­kon­su­len­ten zeigt: Es gibt keine ge­setz­li­che Pflicht zum Be­trieb einer Blin­de­n­an­stalt.
Mit Be­triebs­zu­schüs­sen leis­tet der Staat mehr, als die Hülfs­ge­sell­schaft als Trä­ge­rin der Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt je hätte er­war­ten kön­nen. Viel­mehr be­deu­tet die Ver­staat­li­chung eine frei­wil­li­ge Über­nah­me neuer Ver­wal­tungs­auf­ga­ben. Zudem gebe der Staat die Schu­lung blin­der Kin­der gar nicht auf, son­dern er or­ga­ni­sie­re die Blin­den­bil­dung zweck­mäs­si­ger.
Auf das Schul­jahr 1940/1941 hebt der Re­gie­rungs­rat die Blin­de­n­ab­tei­lung auf. Der Name der An­stalt wird je­doch erst spä­ter ge­än­dert. Auch mit der Blin­de­n­an­stalt Spiez wird man sich einig. Die Kin­der wer­den zum glei­chen Kos­ten­satz über­nom­men. Kos­ten für die Be­schu­lung der blin­den Kin­der be­strei­tet der An­stalts­fonds. Zudem darf der Kan­ton Zü­rich zwei Per­so­nen in die Di­rek­ti­on ab­ord­nen. Als erste Ab­ge­ord­ne­te wählt die Zür­cher Re­gie­rung 1941 Jo­han­nes Hepp und Re­gie­rungs­rat Dr. Karl Haf­ner in die Di­rek­ti­on.
Für die Leh­rer­schaft an der Blin­de­n­ab­tei­lung ist die Auf­he­bung je­doch ein­schnei­dend. Sie ver­lie­ren ihre Stel­le. Der Re­gie­rungs­rat zeigt sich je­doch fle­xi­bel. Alle Leh­re­rin­nen wer­den vor­zei­tig pen­sio­niert und er­hal­ten ein Ru­he­ge­halt.

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