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Ausbau der Fachhilfe, Lehrerbildung, HPS

Aus­bil­dung zum Taub­stum­men­leh­rer

Noch in Arbeit
Eine Aus­bil­dung zum Taub­stum­men­leh­rer ist in der Schweiz im 19. Jahr­hun­dert prak­tisch nicht vor­han­den. Es ist ein Beruf, den man durch die prak­ti­sche Tä­tig­keit lernt. Der an­ge­hen­de Taub­stum­men­leh­rer tritt seine Stel­le als Hilfs­leh­rer an. Hat er Pech, steht er ohne gros­se Ein­füh­rung einer Klas­se ge­hör­lo­ser Kin­der ge­gen­über. Oft ver­steht er die ge­hör­lo­sen Kin­der nicht und wirft frü­her oder spä­ter das Hand­tuch. Hat er Glück, nimmt ihn ein er­fah­re­ner Kol­le­ge unter seine Fit­ti­che. Wie etwa Chris­ti­an Esen­wein (1863-1941), der ab 1907 in der Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt Zü­rich un­ter­rich­tet. Ihn prä­gen seine ei­ge­nen schwie­ri­gen Er­fah­run­gen als jun­ger Taub­stum­men­leh­rer. So nimmt er An­teil an den An­lie­gen und Nöten von neuen und lang­jäh­ri­gen Leh­rer­kol­le­gen. Seine Rat­schlä­ge für den Un­ter­richt sind le­gen­där.
Für die Lei­ter der Taub­stum­me­n­an­stal­ten ist diese Her­aus­for­de­run­gen nicht neu: Die Ar­beit ist hart, der Lohn ge­ring, die Fluk­tua­ti­on beim Lehr­per­so­nal folg­lich hoch. Die Suche nach qua­li­fi­zier­ten Leh­rern und die Aus­bil­dung von Taub­stum­men­leh­rern bleibt des­halb für die Taub­stum­me­n­an­stal­ten eine Dau­e­r­auf­ga­be. Doch nur we­ni­ge An­stal­ten haben die Zeit und das Know-how, um so etwas wie eine Leh­rer­aus­bil­dung an­zu­bie­ten.
Zü­rich und Rie­hen wer­den unter Schi­bel und Ar­nold prak­tisch zu «Aus­bil­dungs­in­sti­tu­ten». Den­noch ist der Er­folg nicht nach­hal­tig. Zu stark ist die «Aus­bil­dung» an die en­ga­gier­ten Per­sön­lich­kei­ten von Schi­bel und Ar­nold ge­bun­den. Wäh­rend Ar­nold im­mer­hin sein Wis­sen in einem Buch fest­hält, ver­ab­scheut Schi­bel jede Form von Auf­zeich­nung. Sein reich­hal­ti­ges Wis­sen geht nach sei­nem Tod für immer ver­lo­ren. Trotz ihres gros­sen En­ga­ge­ments ge­lingt es Schi­bel und Ar­nold nicht, die Aus­bil­dung der Taub­stum­men­leh­rer von der Taub­stum­me­n­an­stalt zu lösen.
Um 1900 nimmt die Schwei­ze­ri­sche Ge­mein­nüt­zi­ge Ge­sell­schaft (SGG) einen neuen An­lauf bei der Aus­bil­dung von Taub­stum­men­leh­rern. Sie setzt eine Drei­er­kom­mis­si­on mit den Vor­ste­hern Kull (Blin­den- und Taub­stum­me­n­an­stalt Zü­rich), Heus­ser (Taub­stum­me­n­an­stalt Rie­hen) und Kölle (Hir­zel­heim Re­gens­berg) ein. Die Drei­er­kom­mis­si­on soll Vor­schlä­ge für die Aus­bil­dung von Taub­stum­men­leh­rern vor­le­gen. Rund zwei Mo­na­te spä­ter lie­fern die drei Vor­ste­her ihre Ein­schät­zung ab. Die Vor­ste­her be­vor­zu­gen zwar ein Taub­stum­men­leh­rer­se­mi­nar. Dass ein sol­ches Se­mi­nar je­doch zeit­nah re­a­li­siert wird, scheint nicht re­a­lis­tisch. Des­halb sol­len Pri­ma­r­leh­rer eine mehr­jäh­ri­ge Lehr­zeit in der An­stalt ab­sol­vie­ren. Doch die In­itia­ti­ve der SGG ver­san­det weit­ge­hend wir­kungs­los.
1920 fin­det die kon­sti­tu­ie­ren­de Sit­zung des Ver­ban­des statt. An der Grün­dungs­ver­samm­lung neh­men unter an­de­rem Ver­tre­ter des Taub­stum­men­we­sens, des Ar­men­we­sens oder der Er­zie­her von Geis­tes­schwa­chen teil. Die Grün­dungs­ver­samm­lung wählt einen Aus­schuss von fünf Per­so­nen, zu der unter an­de­rem Jo­han­nes Hepp und Hein­rich Han­sel­mann (1885–1960) ge­hö­ren. Die Schwie­rig­kei­ten für ein Heil­päd­ago­gi­sches Se­mi­nar (HPS) sind gross. Ins­be­son­de­re die Fi­nan­zie­rung be­rei­tet Kopf­zer­bre­chen. Eine An­bin­dung an die Uni­ver­si­tät wäre des­halb hilf­reich. Zudem könn­te das Se­mi­nar die In­fra­s­truk­tur wie Lehr­sä­le oder Bi­blio­the­ken be­nut­zen. Al­ler­dings würde eine sol­che An­bin­dung die Un­ab­hän­gig­keit des ge­plan­ten Se­mi­nars ge­fähr­den.
Der «Ver­band Heil­päd­ago­gi­sches Se­mi­nar Zü­rich» führt trotz­dem Ge­spräch mit der Uni­ver­si­tät Zü­rich. Die Ver­hand­lun­gen zie­hen sich je­doch lange hin. Als sich Hein­rich Han­sel­mann be­reit­er­klärt, die Lei­tung des Se­mi­nars zu über­neh­men, kommt je­doch Be­we­gung in die Sache. Ende März 1924 zieht zudem die Staats­an­walt­schaft aus dem Staats­ge­bäu­de Tur­negg aus. So wer­den Räum­lich­kei­ten für das HPS frei, die er Kan­ton Zü­rich kos­ten­los zur Ver­fü­gung stellt. Der Er­öff­nung des HPS im Früh­ling 1924 steht nichts mehr im Wege.
Die An­fän­ge mögen be­schei­den sein. Doch für die Aus­bil­dung der Ge­hör­lo­sen­leh­rer hat sich das HPS als Segen er­wie­sen. Als Gott­fried Ring­li (1928-2016) seine Stel­le als Di­rek­tor der Ge­hör­lo­sen­schu­le an­tritt, legt er gros­sen Wert auf die Wei­ter­bil­dung sei­ner Lehr­kräf­te. Ring­li be­steht dar­auf, dass die Leh­rer an den Wei­ter­bil­dun­gen des HPS teil­neh­men, auch wenn die Ab­sen­zen die Or­ga­ni­sa­ti­on des Un­ter­richts an­spruchs­vol­ler ma­chen. Und so ist die In­ter­kan­to­na­le Hoch­schu­le für Heil­päd­ago­gik (HfH) als Nach­fol­ge­rin des HPS heute der Ort, an dem die Ge­hör­lo­sen­leh­rer aus­ge­bil­det wer­den. Ge­nau­so, wie es sich einst die zwei jun­gen Taub­stum­men­leh­rer Ar­nold und Schi­bel vor knapp 200 Jah­ren vor­ge­stellt hat­ten, als sie ih­rer­seits Be­rufs­ein­stei­ger zu Taub­stum­men­leh­rern aus­bil­de­ten.

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