Kropf und Taubstummheit
Im 19. Jahrhundert entstehen viele Taubstummen-Anstalten. Viele Taubstummen-Lehrpersonen mussten jedoch beweisen: Gehörlose Menschen sind bildungsfähig. Trotzdem hielt sich die Gleichung hartnäckig: taubstumm = dumm. Vor allem im 19. Jahrhundert war die Grenze zu den Kretinen – Menschen mit einer geistigen Behinderung – fliessend. Taubstummheit galt als grausames Schicksal, das es zu bekämpfen galt. Mit Zählungen versuchte man, sich einen Überblick zu verschaffen. Als erste Zählung gilt die sogenannte Stapfersche Zählung von 1799. Angestossen hatte sie Phillipp Albert Stapfer (1766-1840), damals Minister der Künste und Wissenschaften der kurzlebigen Helvetischen Republik. Weitere Zählungen in den Kantonen sollten folgen.
Bald schon zeigte sich: Im Vergleich mit anderen Ländern gibt es in der Schweiz besonders viele Taubstumme. Noch in den 1920er Jahren ragt die Schweiz bei diesen Statistiken wie ein Pfeil heraus. Was ebenfalls auffällt: Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Kropf, Kretinen und Taubstummen. Ursache des Kropfs ist ein Jodmangel in der Schilddrüse, die für die Hormonbildung Jod braucht. Schilddrüsen-Hormone regulieren viele wichtige körperliche Prozesse. Fehlt ihr das Jod, beginnt sie zu wachsen. Der berüchtigte Kropf entsteht. Die Schäden bei fortgeschrittenem Kropf sind enorm: Kinder wachsen nicht mehr richtig, die Herzfrequenz sinkt, die Menschen werden teilnahmslos. Bei Jodmangel von schwangeren Frauen werden Babys als Kretins geboren.
Doch erst die Salzjodierung sollte den gefürchteten Kropf bannen. Die Schweiz führte 1922 als erstes Land die Jodierung des Speisesalzes ein. Bis heute gilt jodiertes Salz als wichtigste Jodquelle der Schweizer Bevölkerung. Durch die Salzjodierung verlieren die Taubstummen-Anstalten jedoch eine wichtige Klientelgruppe; die durch Jodmangel als taubstumme Kretine geborenen Kinder. Die Anstalten leerten sich in den 1930er Jahren; viele Taubstummenanstalten müssen schliessen.